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7.9.2011 | Von:
Barbara Vinken

Erkenne Dich selbst: Frauen - Mütter - Emanzipation - Essay

Deutsche Mütter unter Perfektionsdruck

"Was soll's?", könnte man nun sagen. Diesen Irrglauben können wir uns leisten - und wir leisten ihn uns, überzeugt davon, dass wir Recht haben. Er ist vermutlich der vom Staat durch das Ehegattensplitting am Besten geförderte Irrtum, den es je in der Geschichte gab. Warum sollen sich die Frauen von der Wirtschaft auf den Arbeitsmarkt drängen lassen? Warum sollen sie nicht zu Hause bleiben? Warum soll man emanzipiert sein müssen? Gut, es gibt ein paar Kollateralschäden: die alleinerziehenden Mütter, die Kinder von nicht deutschsprachigen Eltern, die Kinder, deren Mütter arbeiten müssen und die deshalb die Defizite der Schule nicht im Heimunterricht ausgleichen können, die nach der neuen Unterhaltsregelung geschiedenen Mütter mit zwei Kindern, die irgendwann Ende 30, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, anfangen, halbtags zu arbeiten und denen dann mit Anfang 40 die Scheidung ins Haus steht. Aber im Großen und Ganzen ...

Leider sieht es auch im Großen und Ganzen nicht gut aus. Das hört sich in der von einer Babynahrungsfirma in Auftrag gegebenen Studie des Instituts Rheingold von 2010 so an: "Der schöne Schein trügt. Viele deutsche Mütter sind verunsichert, fühlen sich oft genug überfordert und sehen sich einem permanenten Perfektionsdruck ausgesetzt. Zwar tragen 78 Prozent der befragten Frauen Gelassenheit als große Vision beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben vor sich her, doch nur 44 Prozent fühlen sich beim Thema Kinder wirklich entspannt. Tief in ihnen brodeln elementare Verlustängste und eine tiefe Unzufriedenheit. Sie sehen sich dem Druck ausgesetzt, als Mutter stets 'funktionieren' zu müssen und sich von ihrer inneren Zerrissenheit zwischen liebender Mutter und attraktiver bzw. erfolgreicher Frau nichts anmerken lassen zu dürfen. Kinderkriegen ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr."[13] Es mag sein, dass wir den Irrglauben zu unser aller Glück aufgeben, von deutschen Sonderpfaden ablassen und uns auf europäische Straßen begeben müssen.

Deutschland zeichnet sich nicht nur durch ein im weltweiten Vergleich befremdliches Fehlen von weiblichen Karrieren und durch einen im europäischen Maßstab großen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen, sondern auch durch eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt aus. Unsere französischen oder finnischen Nachbarinnen verdienen nämlich nicht nur deutlich mehr und haben nicht nur deutlich bessere Karrieren; sie haben auch deutlich mehr Kinder. Und das ganz entspannt. In Frankreich ist es normal, Frau zu bleiben, Ärztin zu sein und zwei oder drei Kinder zu haben. Niemand glaubt, dass man eine schlechte Mutter ist, weil man ganztags und engagiert arbeitet; und niemand glaubt, dass man eine unfähige Ärztin ist, die statt schlecht und recht ihrem Beruf lieber ihrer Berufung zur Mutter nachkommen würde. Es ist nämlich normal - heißt: gesellschaftliches Leitbild - Kinder und Berufsarbeit zu vereinbaren. Dasselbe gilt für die skandinavischen Länder. Diese Frauen müssen gar nichts beweisen, sondern leben normal als Mutter und Anwältin, Lehrerin, Unternehmensberaterin oder Laborleiterin. Wie alle andern auch. Sie müssen sich nicht zwischen vollwertigem Beruf und Kindern entscheiden. Sie können einfach beides. Weil sie nichts beweisen und ihr Lebensmodell nicht dauernd rechtfertigen müssen, hat das mit Druck zur Perfektion - Supermami, Superkarrierefrau, Vorzeigegeliebte - gar nichts zu tun.

Ganz anders in Deutschland. Hierzulande haben wir keine Norm, sondern einen Normenkonflikt. Konfliktfrei und mit gutem Gewissen ist beides, Kinder und Karriere, in Deutschland nicht zu haben. Der Normenkonflikt liegt darin, dass man sich auf der einen Seite einig ist, dass Erfolg im Berufsleben auch für Frauen zu einem erfüllten Leben gehört. Wir sehen uns als gleichberechtigte Gesellschaft, die beiden Geschlechtern die gleichen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eingeräumt wissen will. Zu unserem Bild eines gelungenen Lebens auch für Frauen gehört finanzielle Autonomie, intellektuelle Stimulanz und das damit einhergehende Selbstwertgefühl. Selten sind die Eltern, die heute noch ihre Töchter darauf trimmen, eine gute Partie zu machen und auf dem Heiratsmarkt erfolgreich zu sein. Alle Umfragen unter jungen Frauen zeigen, dass sie selbstverständlich im Beruf vorwärts kommen wollen. Es genügt, jede beliebige Frauenzeitschrift aufzuschlagen, um zu erkennen, dass eben dies ein erfolgreiches Berufsleben - heiß begehrt ist. Nur schließt das im deutschen Verständnis das Muttersein aus.

Berufstätigkeit und Kinder werden in Deutschland im Gegensatz zum sonstigen Europa nicht als vereinbar, sondern als alternativ aufgefasst: entweder Anwältin oder Mutter. Und das ist keine faktische, sondern eine normative Aussage: Beides geht nicht, ist schlicht unmöglich. Eine Mutter kann morgens in einer Galerie arbeiten oder ein paar Stunden in der Volkshochschule unterrichten, halbtags irgendetwas Interessantes machen, damit sie unter Leute kommt. Alles andere bringt sie in den Geruch, ihre Kinder zu vernachlässigen. Unser deutscher Irrglaube, nur Kinder von nicht voll berufstätigen Müttern würden sich zu normalen, glücklichen Menschen entwickeln, nötigt uns zur Entscheidung zwischen Karriere und Kind - und damit zum Verzicht entweder auf die Kinder oder auf den erfüllenden Beruf.

Kinderkriegen bedeutet in Deutschland, dass Frauen als Mütter mit ihrem Ausscheiden aus dem Beruf oder in Teilzeitarbeit ihre finanzielle Selbstständigkeit aufgeben. Damit wird die Ehe als "Versorgungsanstalt" unumgehbar. "Nirgendwo in Europa wird noch heute das Modell 'allein verdienender Familienvater und nicht erwerbstätige Ehefrau' so stark steuerlich begünstigt wie in Deutschland", so das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung.[14] Deswegen sind die weniger gut verdienenden Familien an der Erhöhung des Kindergeldes und die besser verdienenden Familien am Ehegattensplitting vitaler interessiert als an Ganztagskrippen, -kindergärten und -schulen. Die für das Wohlergehen des Kindes in Kauf zu nehmende Abhängigkeit vom Ehemann führt zum unerbittlichen Einrasten der traditionellen Geschlechterklischees, die man für von gestern hielt: Der Ehemann verdient, die Ehefrau ein bisschen dazu und sorgt sonst unentgeltlich liebend für die Familie. Mit diesem steuerlich subventionierten Geschlechtermodell fällt Deutschland weit hinter seine europäischen Nachbarn zurück, die wesentlich emanzipiertere und erotisch interessantere Modelle entwickelt haben.

Frauen, die sich für Kinder entscheiden, nehmen den Verlust von sozialen Kontakten, von beruflichen Chancen und einschneidende finanzielle Nachteile hin. Vor allem aber büßen sie nach eigenen Aussagen gesellschaftliches Prestige ein.[15] Frauen und Männer, die sich gegen Kinder entscheiden, entscheiden sich damit vor allem gegen die Regression in eine solche Paarstruktur.

Die Leute mit wie die Leute ohne Kinder vereint bei entgegengesetzter Entscheidung eine in Europa einmalige ideologische Verhärtung. Unsere keiner empirischen Prüfung standhaltende "Mutterideologie" erklärt das, was überall um uns herum passiert, zum Tabu: die jenseits der Grenzen und manchmal sogar nebenan in alltäglicher Selbstverständlichkeit vorgelebte Vereinbarkeit von Kindern und Berufsleben. Ob man den Frauen hierzulande nicht gönnt, alles zu haben? Ob wir es uns selber nicht gönnen und immer von doppelter Belastung statt von doppelter Lust reden?

Es ist auch rätselhaft, dass wir es wie ein Fatum hinnehmen, dass wir - aber eben nur wir in Westdeutschland - nicht ganz Frau (ohne Kind) oder nur Frau (ohne Beruf) sein können. Jedenfalls bezahlen wir für die selten ausgesprochene, aber umso wirksamere Ideologie der Vollzeitmutter gesellschaftlich, vor allen Dingen aber in unserem Privatleben einen viel zu hohen, - und das ist die eigentliche Tragik - völlig überflüssigen Preis: überflüssiger Verzicht auf ein erfülltes Berufsleben und alles, was daran hängt, auf der einen Seite; überflüssiger Verzicht auf Kinder auf der anderen Seite, den die meisten Frauen schweren Herzens auf sich nehmen. Höchste Zeit für ein bisschen mehr Selbsterkenntnis.

Fußnoten

13.
Rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen (Hrsg.), Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen, Pressemitteilung vom 24.11.2010, S. 2, online: www.rheingold-online.de/grafik/veroeffentlichungen/PM_
Studie_Muetter_in_Angst.pdf (24.7. 2011).
14.
Zit. nach: Julia Bonstein/Alexander Jung/Merlind Theile, Generation Kinderlos, in: Der Spiegel, Nr. 37 vom 12.9.2005, S. 62-72, hier: S. 71, online: www.spiegel.de/spiegel/print/d-4768190.htm (25.7. 2011).
15.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Einflußfaktoren auf die Geburtenrate. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung der 18- bis 44-jährigen Bevölkerung, Allensbach 2004, S. 59.