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7.9.2011 | Von:
Peter Döge

Anerkennung und Respekt - Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble - Essay

Geschlechtsspezifisch oder geschlechtshierarchisch

So zeigt sich, dass im Durchschnitt mehr Männer als Frauen die Motivation besitzen, eine Führungsposition einnehmen zu wollen. Diese Motivation findet sich aber nicht bei allen Männern, sie findet sich jedoch auch bei einigen Frauen. So äußerten in einer Studie der Harvard University 15 Prozent der befragten weiblichen Hochschulabgängerinnen und 27 Prozent der männlichen Hochschulabgänger, dass sie eine Führungsposition anstreben.[21] Ebenso ist es nach wie vor eher wahrscheinlich, dass Frauen ihre Berufstätigkeit zugunsten der Betreuung von kleinen Kindern oder von Familienangehörigen unterbrechen als Männer. Mehr Frauen als Männer streben in den Universitäten nach wie vor in die kulturwissenschaftlichen, mehr Männer als Frauen in die ingenieurwissenschaftlichen Bereiche - auch in der ehemaligen DDR konnte dieses Studierverhalten beobachtet werden. Ob diese Motivationslagen sozialisations- oder evolutionsbedingt sind, wird Geschlechterforschung - auch in einer transdisziplinären Perspektive - niemals mit eindeutiger Sicherheit beantworten können. Eine solche Sicherheit im Hinblick auf die Interpretation von Prozessen und Vorgängen wird in Zeiten von Unschärferelation und Chaostheorie nicht einmal mehr in der Physik postuliert, und von daher sollte auch die Geschlechterforschung und vor allem die Geschlechterpolitik lernen, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Voraussetzung hierfür wäre insbesondere eine präzise Unterscheidung der Begriffe geschlechtshierarchisch und geschlechtsspezifisch, die im geschlechterpolitischen Diskurs noch immer weitgehend synonym gebraucht werden.

Eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist Bestandteil einer jeden Geschlechterkultur - sie kann als Ausdruck der unterschiedlichen Motivationslagen und Vorlieben gesehen werden. So gibt es Frauenberufe und Männerberufe, Frauenbereiche und Männerbereiche, Frauenleben und Männerleben - insbesondere mit Blick auf die Versorgung von kleinen Kindern. Wie eine vergleichende Überblicksstudie zeigt, wird in nur 5 Prozent von 156 Ethnien eine enge Beziehung zwischen Vater und Kleinkind unterstützt.[22] Aber stellt es denn tatsächlich eine Ungerechtigkeit dar, wenn Frauen in sogenannten Frauenberufen arbeiten oder in Teilzeit arbeiten möchten, um kleine Kinder besser betreuen zu können? Ist eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung per se negativ zu bewerten oder ist es nicht vielmehr die unterschiedliche Bewertung männlich und weiblich konnotierter Bereiche, Berufe, Kompetenzen sowie der Lebensmuster, die eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu einer geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung werden lassen? Ein von diesen Fragen ausgehender differenzierender Blick auf unsere Geschlechterkultur würde deutlich machen, dass es vor allem diese Wertigkeiten sind, die für die unterschiedliche Einkommenshöhe von Frauen und Männern sowie für den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen verantwortlich sind, wobei die Abwertung von "Frauenleben" auch familienorientierte Männer trifft. So verdienen einer US-amerikanischen Studie zufolge sogenannte moderne Männer im Durchschnitt 6000 Euro weniger im Jahr als sogenannte traditionelle Männer,[23] auch familienorientierte Männer erfahren eine "gläserne Decke".

Fußnoten

21.
Vgl. McKinsey & Company (ed.), Women Matter. Gender diversity, a corporate performance driver, o.O. 2007, S. 9.
22.
Vgl. Janet Brown/Gary Barker, Global Diversity and Trends in Patterns of Fatherhood, Den Haag 2004, S. 17-43.
23.
Vgl. Timothy A. Judge/Beth A. Livingston, Is the gap more than gender? A longitudinal analysis of gender, gender role orientation, and earnings, in: Journal of Applied Psychology, 93 (2008) 5, S. 994-1012.