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7.9.2011 | Von:
Peter Döge

Anerkennung und Respekt - Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble - Essay

Geschlechterpolitik als Diversity Management

Das sogenannte Vereinbarkeitsproblem wird für Väter und Mütter demnach ebenso nur zu lösen sein wie die Einkommensungleichheit der Geschlechter, wenn an dieser Wertigkeit von Lebensbereichen und Berufen angesetzt wird. Ziel von Geschlechterpolitik sollte von daher sein, weiblich konnotierte Tätigkeiten und Lebensmuster aufzuwerten mit dem Ziel "Arbeit und Familienleben so zu organisieren, daß Zuständigkeiten und Entgelt absolut unparteiisch an Menschen mit verschiedenen sozialen Merkmalen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen, verteilt werden".[24] Auf diese Weise könnte eine wirkliche Gleichstellung im Sinne einer Gleichwertigkeit von Lebensmustern hergestellt werden, einhergehend mit einer wirklichen Wahlfreiheit in den Lebensbiografien. Gleichwertigkeit lässt Unterschiedlichkeit zu und versucht nicht, Frauen und Männer an eine Norm anzupassen - weder an die Norm des hegemonial Männlichen noch an eine sozial-konstruktivistische Norm der Unterschiedslosigkeit. In diesem Zusammenhang ergibt sich dann die Frage nach wirklich aussagekräftigen Indikatoren für Chancengleichheit von Frauen und Männern: Ist denn die Höhe der Erwerbsbeteiligung von Frauen tatsächlich ein angemessener Maßstab? Ist es tatsächlich der Anteil von Frauen in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und in Führungspositionen? Oder ist es der Anteil von Vätern in Elternzeit und der Anteil von Männern in sogenannten Frauenberufen? Oder ist es ganz einfach die Zufriedenheit von Frauen und Männern mit ihrem Leben?

Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen erscheint mir das Konzept des Diversity Managements als die vielversprechendste Strategie, mit dem "gender trouble" politisch angemessen umzugehen. Diversity Management setzt an der Vielfalt von Merkmalskonstellationen an und sieht Unterschiedlichkeit als wichtige Organisationsressource. Es geht darum, gesellschaftliche und organisationale Kontexte zu schaffen, in denen jedes Individuum unabhängig von seinen körperlichen oder sozial-kulturellen Merkmalen seine Potenziale einbringen kann. Orientiert an den Leitbildern Offenheit und Vielfalt bietet das Konzept des Diversity Managements zudem die Möglichkeit für einen unverkrampften Umgang mit dem Natur-Kultur-Dilemma: Offenheit impliziert, Männern und Frauen alle Möglichkeiten und Bereiche offenzuhalten und quasi zu unterstellen, alles wäre nur sozial konstruiert. In diesem Zusammenhang erhalten dann Antidiskriminierungsstrategien ihren Stellenwert. Vielfalt bedeutet, das Resultat der individuellen Handlungen anzuerkennen, die Unterschiedlichkeit etwa im Berufswahlverhalten oder den Lebensmustern anzunehmen und so gleichwertig wie möglich zu behandeln. Vielfalt bedeutet auch, biologische Unterschiede zuzulassen und - wie etwa in der Gesundheitspolitik - entsprechend differenzierte Angebote für Frauen und Männer zu entwickeln. Anerkennung und Respekt würden auf diese Weise zu zentralen Achsen von Geschlechterpolitik jenseits homogener Genusgruppen.

Fußnoten

24.
Judith Lorber, Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Konvergenzen in neueren feministischen Theorien und in feministischer Politik, in: Feministische Studien, (1998) 1, S. 52.