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Der Mauer um die Wette gedenken


26.7.2011
Historische Stätten haben und machen in Deutschland Konjunktur, wobei der Anteil privater Angebote steigt. Die Vorgänge am Checkpoint Charlie belegen die Entstehung einer Heritage-Industrie.

Einleitung



In Deutschland vollzieht sich seit einigen Jahren ein regelrechter Geschichtsboom: Städte reinszenieren und rekonstruieren aufwändig (wie Frankfurt am Main) ihre versunkenen Altstadtviertel oder bauen (wie Potsdam) ihre zerstörten Stadtschlösser wieder auf. Jeden zweiten Tag eröffnet ein neues Museum, wobei der Anteil privater Museen ständig steigt. Fast jeder Mensch ist wohl schon einmal über einen Mittelaltermarkt geschlendert, und viele mögen zudem einen der zahlreichen Histotainment-Parks besucht haben, in denen immer Mittelalter oder Römerzeit ist. Auch die jüngere Geschichte erfreut sich immer größerer Beliebtheit: An der Berliner Museumsinsel bietet ein privates DDR-Museum die "DDR zum Anfassen" an, und wer von Trabis und FKK genug hat, kann sich ein paar Straßenzüge weiter in der Stasi-Kneipe "Zur Firma" stärken.

Schon dieser kurze Aufriss zeigt, dass sich um das historische Erbe, um "Heritage", inzwischen eine erlebnisorientierte Heritage-Industrie rankt. Von ihr profitieren nicht nur kommunale, nationale und internationale öffentliche, sondern in zunehmendem Maße auch unterschiedlichste private Akteurinnen und Akteure. Historische Stoffe, begriffen als ein für die Gegenwart relevantes und daher erhaltenswertes Erbe, haben und machen in Deutschland Konjunktur.

Bis vor kurzem dominierte hierzulande eine fachwissenschaftlich geprägte Form der Vergangenheitsbetrachtung, die das materielle historische Objekt, das durch Vitrinen geschützte "Original", und eine quellenbasierte, textzentrierte Vermittlung historischer "Fakten" in ihr Zentrum stellte. Der amerikanische Geograph David Lowenthal hat diese westeuropäisch-modern geprägte Form der Vergangenheitsbetrachtung als "History" bezeichnet.[1] Seit dem Umbruch zu "Heritage" als neuer dominanter Vergangenheitsbetrachtungsform aber werden historische Stoffe, oft unter Zuhilfenahme von Rekonstruktionen und Mitmachangeboten, von einem sich immer weiter auffächernden Anbieterspektrum zunehmend als personalisierte, erlebnis- und emotionsorientierte, sich mit dem Alltag der Menschen eng verknüpfende, sinnstiftende Narrationen von der Vergangenheit präsentiert.

Dem Heritage-Boom steht eine große Zögerlichkeit der deutschen Politik und Wissenschaft gegenüber, sich mit den neuen, hierzulande oft vorschnell als "kommerziell", "populistisch" oder "disneyhaft" verpönten, touristisch jedoch enorm erfolgreichen, erlebnisorientierten Geschichtsvermittlungsangeboten zu beschäftigen.[2] Wie wichtig eine solche Auseinandersetzung allerdings wäre, da es in Deutschland längst zu einer "marktförmigen Strukturierung der Erinnerungskulturen"[3] gekommen ist, illustriert besonders eindrucksvoll das Beispiel des seit dem Fall der Mauer heftig als Erinnerungsort umkämpften Checkpoint Charlie.


Fußnoten

1.
David Lowenthal, "History" und "Heritage". Widerstreitende und konvergente Formen der Vergangenheitsbetrachtung, in: Rosemarie Beier (Hrsg.), Geschichtskultur in der Zweiten Moderne, Frankfurt/M. 2000, S. 71-94.
2.
Für einen strukturierten Überblick über die Stationen der im angloamerikanischen Raum lebhaft geführten Heritage-Debatte vgl. Sybille Frank, Der Mauer um die Wette gedenken. Die Formation einer Heritage-Industrie am Berliner Checkpoint Charlie, Frankfurt/M.-New York 2009, S. 25-149.
3.
Claus Leggewie/Erik Meyer, Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung. Geschichtspolitik in der medialen Erlebnisgesellschaft, in: zeitenblicke, 3 (2004) 1, online: www.zeitenblicke.de/2004/01/leggwie/
Leggewie.pdf (24.6.2011).

 

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