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5.7.2011 | Von:
Roland Tichy
Ulrike Guérot

Vom eigenen Garten zur weltweiten Ressourcenverteilung - Essay

Folgerungen aus der Allmendediskussion

Von Befürwortern der Gemeingüter werden häufig die falschen Schlüsse aus dem wegweisenden Aufsatz "The Tragedy of the Commons" gezogen.[3] Garrett Hardin hat darin 1968 gezeigt, dass unbegrenzte Weiderechte dazu führen, dass eine Gemeinschaftsfläche letztlich durch Übernutzung zerstört wird, weil es für jeden Einzelnen vorteilhaft ist, immer mehr Tiere dort weiden zu lassen. Nun sind historisierende Analysen, ob es nicht doch an dem einen oder anderen Ort und zu dem einen oder anderen Zeitpunkt beschränkende Nutzungsrechte gegeben hat, die eine Überweidung begrenzt haben, wenig hilfreich. Solche Regelungen mag es gegeben haben, und es gibt sie an vielen Orten nach wie vor. Die entscheidende Frage aber ist doch, was passiert, wenn stationäre, stabile Gemeinschaften zu schnell wachsen und die bisherigen Regeln zur Bewirtschaftung und die Erträge zur Ernährung der Vielen nicht mehr ausreichen. Die Überweidung der Allmende als Metapher für ein Gemeingut ist eine historische Tatsache, die sich bei Bevölkerungswachstum stets wiederholt hat.

Zum Beispiel drohte im 17. und 18. Jahrhundert das Gebiet des heutigen Deutschlands baumfrei zu werden, weil die Wälder zu schnell abgeholzt wurden. Die Reaktion war eine Aufforstung bei gleichzeitigem Verbot von einzelwirtschaftlichem Holzschlag und Jagd. Das hat zu sozialen Verwerfungen geführt, denn diese Maßnahmen wurden zum Ausbau und Schutz der adeligen Privilegien und derjenigen privater Waldbesitzer genutzt und führten zu anderen Ungerechtigkeiten - aber sie haben auch erst den nachhaltigen Fortbestand und die Pflege des Wald- und Wildbestandes ermöglicht und ökosoziale Katastrophen verhindert. Die Beschränkung des freien Zugangs zum Wald und das Jagdverbot haben die Aufforstung und damit die nachhaltige Nutzung erst ermöglicht. Der deutlich schlechtere Zustand des Waldes und der geringere Wildbestand in Frankreich sind auch darauf zurückzuführen, dass nach der Französischen Revolution genau diese Rechte als uneingeschränkte Bürgerrechte gewährt wurden. Es wird also durchaus richtig sein, gelegentlich eine Begrenzung der Nutzungsrechte für die Mitglieder einer Gemeinschaft durchzusetzen, um das Ökosystem aufrechtzuerhalten.

Die entscheidende Schlussfolgerung aus der Allmendediskussion lautet, dass es immer dann zu einer "Überweidung", zu einer übermäßigen Ressourcennutzung und damit zu Umweltzerstörung kommen wird, wenn Güter von jedermann beliebig, unbegrenzt und unkontrollierbar nutzbar sind. Gerade die Umweltzerstörung und die Umweltpolitik haben davon enorm profitiert. Lange galt ja saubere Luft als freies Gut, dessen Nutzung keinerlei Beschränkung unterworfen ist, und selbstverständlich ist es unvorstellbar, gleichsam eine Begrenzung des Atmens einzuführen. Aber die gewerbliche und vor allem die freie industrielle Nutzung der Luft muss begrenzt werden, wie dies zum Beispiel aktuell unter den Stichworten Klimaschutz und Kerosinabgabe diskutiert wird. Nun kann dies über Gebote und Verbote erfolgen, die den Schadstoffausstoß begrenzen oder verbieten. Es ist aber sehr schwer zu entscheiden, ob beispielsweise einem Stahlwerk, alternativ einem Kohlekraftwerk oder einer Zementfabrik der jeweilige Schadstoffausstoß erlaubt werden soll oder eben nicht - und wenn ja, in welchem Umfang und was sie gegebenenfalls dafür zu zahlen hätten. Die fortschrittlichste Lösung ist die Etablierung eines europaweit wirkenden Marktes für CO2-Zertifikate, der hier nur verkürzt beschrieben werden kann: Es wird die Gesamtmenge der erlaubten Verschmutzung festgelegt und jährlich reduziert. Die industriellen Nutzer müssen das Recht auf Schadstoffausstoß in Form von handelbaren Zertifikaten immer wieder neu erwerben. Damit werden die Kosten der Umweltverschmutzung in die Produktionskosten (und den Preis des Produkts) aufgenommen und dadurch verallgemeinert und damit die Nachfrage beschränkt; gleichzeitig besteht ein Anreiz, nach technischen Lösungen der Schadstoffvermeidung zu suchen und sie einzusetzen, um die sich ständig verteuernden Zertifikatspreise zu reduzieren oder ganz zu vermeiden. Es ist der eigentliche Nutzwert der Allmendedebatte, bislang freien Gütern in effizienter Form ein Preisschild anzuheften, um ihren Verbrauch zu reduzieren.

Demnach ist die aktuelle Gemeingutdiskussion streckenweise einfach rückwärtsgewandt, wenn etwa ein selbstverständliches Recht auf Luft und Wasser postuliert wird, ohne zu sehen, dass die massive Nutzung durch Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft diese knappen Ressourcen unwiderruflich zerstört. Es ist deshalb notwendig, dass an vermeintlich freien oder gemeinschaftlichen Gütern klare Eigentumsrechte definiert werden, um eine allgemeine Übernutzung zu verhindern und sie der effizientesten Nutzung zur Verfügung zu stellen.

Fußnoten

3.
Vgl. Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968) 3859, S. 1243-1248.

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