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30.6.2011 | Von:
Jana Puglierin
Christoph Schwarz

Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?

Welche Macht?

Um die Frage des amerikanischen Machtverlusts beantworten zu können, stellt sich zunächst das Problem, welche Eigenschaften oder Fähigkeiten einem Staat besondere Macht im internationalen System verleihen, und wie sich solche Machtindikatoren messen lassen.

Nach Max Webers berühmtem Diktum definiert sich Macht in sozialen Beziehungen als "jede Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht".[5] Wie Weber jedoch selbst erkennt, bleibt diese Definition in analytischer Hinsicht zunächst unzureichend, da "alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen jemanden in die Lage versetzen können, seinen eigenen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen".[6] Das bedeutet, dass Macht auf vielerlei beruhen und sich in mancherlei Form ausdrücken kann.

Robert O. Keohane und Joseph S. Nye haben in ihrem Buch Power and Interdependence richtigerweise festgestellt, dass auch Einflussnahme eine Form der Machtausübung darstellen kann.[7] Diesen Gedanken hat Nye im Folgenden durch sein Konzept der soft power weiterentwickelt, welche er im Gegensatz zu hard power als Form des Einflusses ohne negative Sanktionen oder Zwang versteht.[8] "Harte" und "weiche" Macht sind also zwei Seiten derselben Fähigkeit, eigene Zwecke durch Einwirken auf das Verhalten anderer zu erreichen.

Im internationalen System wird "harte" Macht klassischerweise als militärische Macht oder auch ökonomische Macht verstanden, während "weiche" Macht vor allem auf kultureller Anziehung beruht. Innerhalb des internationalen Systems ist das Machtpotenzial eines Staates jedoch stets relativ und kontextabhängig. Wie mächtig ein Staat ist, orientiert sich deshalb vor allem an der Frage, wie vergleichsweise mächtig die anderen Staaten sind. Im 21. Jahrhundert sind ein starker Militärapparat, eine große Bevölkerungszahl und eine leistungsfähige Wirtschaft zwar weiterhin wichtig, garantieren für sich genommen jedoch keinen Supermachtstatus.

Wie aber steht es heute um die Fähigkeit der USA, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen? Und welcher andere Staat könnte ihnen den Rang ablaufen?

Fußnoten

5.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 28.
6.
Ebd.
7.
Vgl. Robert O. Keohane/Joseph S. Nye, Power and Interdependence. World Politics in Transition, Boston-Toronto 1977, S. 11.
8.
Vgl. J. S. Nye (Anm. 4).