APUZ Dossier Bild

30.6.2011 | Von:
Jana Puglierin
Christoph Schwarz

Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?

Einfluss globaler Dynamiken auf die Vorherrschaft der USA

Die Erklärungsansätze für den zu erwartenden Macht- und Einflussverlust der USA lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Zum einen findet sich ein Ansatz, der externe Faktoren, allen voran die dynamische wirtschaftliche - und damit zumindest potenziell auch militärische - Entwicklung anderer Staaten im internationalen System als ausschlaggebend ansieht. Dieser Argumentation zufolge sind die Vereinigten Staaten nicht im eigentlichen Sinne im Abstieg begriffen. Eher trifft zu, dass Staaten wie China, Indien, Brasilien oder Russland den Rückstand auf die USA sukzessive verringern.

Zudem werde Macht in zunehmendem Maße diffus: Nicht mehr nur Staaten seien Träger von Macht. Auch nichtstaatliche Akteure verfügten in wachsendem Maße über Mitspracherecht und Entscheidungskompetenzen.[9] Diese Machtverschiebung verringere die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit nicht nur der USA, sondern sämtlicher Staaten und bedinge ein zunehmend komplexer werdendes internationales System.

Aus der Gruppe der aufsteigenden Staaten wird China übereinstimmend als erster und einziger Kandidat gesehen, der den Vereinigten Staaten ihre globale Vormachtstellung in absehbarer Zeit streitig machen kann. Als wichtigster Indikator für diese These dient Chinas rasant ansteigende Wirtschaftsleistung. Jüngeren Berechnungen zufolge wird das "Reich der Mitte" die USA mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt bereits im Jahr 2015 oder kurz danach ein- und überholen.[10] Zudem ist China ein attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen und hält die weltweit größten Devisenreserven - unter anderem auch an US-Dollar und amerikanischen Staatspapieren. Beobachter sehen in diesem Umstand ein steigendes Risiko für die USA, da mit wachsender ökonomischer Abhängigkeit auch die Gefahr zunehme, politische Konzessionen machen zu müssen.[11]

Der ökonomische Erfolg Chinas könnte auch die Attraktivität der maßgeblich durch Washington getragenen liberalen Weltordnung verringern und beträchtliche Anziehungswirkung auf andere Staaten ausüben. Denn China steht repräsentativ für ein alternatives Erfolgsmodell, in dem ökonomisches Wachstum auch ohne freiheitliche und demokratische Reformen erreicht wird. Außerdem ist zu erwarten, dass die militärischen Fähigkeiten Chinas als Folge des ökonomischen Aufschwungs weiter zunehmen werden, und das "Reich der Mitte" sukzessive zu einer militärischen Macht ersten Ranges wird.[12]

Auch wenn die USA auf absehbare Zeit der militärisch dominante Akteur bleiben, relativiert bereits der Zugewinn an militärischen Fähigkeiten auf Seiten der "Aufsteiger" das amerikanische Machtpotenzial. Denn mit wachsenden militärischen Mitteln nehmen für China die Möglichkeiten zu, den USA den Zugang zu Krisenherden wie zum Beispiel dem Südchinesischen Meer zu versagen - oder zumindest die Kosten für Washington drastisch zu erhöhen. Damit wird auch die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die gegnerische Seite in akuten Krisensituationen durch militärischen Druck zum Einlenken zu bewegen, deutlich verringert.

Fußnoten

9.
Vgl. Fareed Zakaria, Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter, Bonn 2009.
10.
Vgl. Angus Maddison, Chinese Economic Performance in the Long Run. Second Edition, Revised and Updated, OECD, September 2007, S. 93, online: www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/development/chinese-economic-performance-in-the-long-run-960-2030-ad-second-edition-revised-and-updated_9789264037632-en (8.6.2011). Die Angaben hinsichtlich des genauen Zeitpunkts schwanken je nach Quelle jedoch stark.
11.
Vgl. Stormy-Annika Mildner, Wiederbelebung des American Dream, in: Internationale Politik, (2011) 3, S. 28.
12.
Vgl. National Intelligence Council, Global Trends 2025: A Transformed World, Washington 2008, S. 29.