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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Indonesiens "Zwang" zur Solidarität

Zehn Jahre zuvor hatte die damalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri, Tochter des Republikgründers Sukarno, gerade ihr delikates Erbe als Staatschefin angetreten. Nach 350 Jahren holländischer Kolonialmacht, an dessen Ende das damalige Niederländisch-Ostindien in blutigen Machtkämpfen zwischen Holländern, Briten und Japanern und im Krieg um Unabhängigkeit aufgerieben war. Gefolgt von 22 Jahren glückloser Versuche ihres Vaters Sukarno, Indonesien als Nation zu einen und weiteren 32 Jahren unter der totalitären Herrschaft des Diktators Suharto, der zwar dem Land zu einiger Stabilität und wirtschaftlichem Erfolg verhalf, sein Volk aber gnadenlos unterdrückte, ausbeutete, ermorden ließ und am Ende in den wirtschaftlichen und politischen Ruin getrieben hatte. Sein privates Vermögen, das er bis zu seinem Sturz in 1998 beiseite geschafft hatte, wird auf 30 bis 60 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zwei Interims-Regierungen unter Yusuf Habibie und Abdurrahman Wahid folgten, bis Megawati Sukarnoputri im Juli 2001 die Amtsgeschäfte des ethnisch, religiös und politisch zerrütteten und wirtschaftlich mehr als desolaten Staates übernahm.

Als die Präsidentin am 19. September 2001 auf Einladung des US-Präsidenten George W. Bush in die USA reiste, reiste sie mit schwerem Gepäck. Während der Suharto-Diktatur waren die USA Indonesiens wichtigster Handelspartner. Ihr fiel es nun zu, die junge Demokratie als stabiles und für Investitionen offenes Land zu bewerben, denn nichts brauchte Indonesien dringender als Geld.

Doch dann kam "9/11", und was eigentlich als eine "Promo-Tour" für amerikanische Investitionen gedacht war, entwickelte sich für Megawati zum politischen Balanceakt. Während indonesische Ökonomen einen Tag nach den Anschlägen noch erörterten, welche Auswirkungen die drohende Rezession in den USA auf die Ökonomien der Welt und die ohnehin darniederliegende Wirtschaft Indonesiens haben würde, meldeten sich schon zwei Tage nach "9/11" einige politische Beobachter der Muhammadiyah Universität in Yogyakarta zu Wort, die George W. Bush nachdrücklich davor warnten, voreilig muslimische Gruppen für die Anschläge verantwortlich zu machen. Sie erinnerten daran, wie schnell die USA Muslimen die Verantwortung für den Bombenanschlag in Oklahoma in 1995 in die Schuhe schieben wollten, während die wirklichen Täter damals "hausgemachte" amerikanische Terroristen gewesen seien. An Terrorakte und Bombenanschläge hatte sich Indonesien beinahe schon gewöhnt - das Machtvakuum nach dem Fall Suhartos hatte als Petrischale für konservative und radikale islamistische Gruppen wie die Laskar Jihad (LJ) und die FPI gedient -, betrachtete diese aber als ein nationales Problem.

Nicht so George W. Bush: Mit seinen den Anschlägen folgenden aggressiven Thesen vom "You're either with us or against us" und des von ihm erklärten Global War on Terror, mit denen er die Anschläge umgehend von einem nationalen in ein weltumfassendes Problem umwidmete, ließ kaum einer Nation einen Ausweg. Ganz sicher keiner, die auf gute Beziehungen mit den USA so angewiesen war wie Indonesien. Bush erkannte seine Chance, die politisch unerfahrene Präsidentin des bevölkerungsreichsten muslimischen Staates der Welt als strategisch wichtige Verbündete einzubinden. Indonesien brauchte dringend Investitionen, und eine international sichtbare Imagepolitur konnte auf der Suche nach Geld nicht schaden. Megawati sicherte den USA noch während ihres Besuches ihre volle Unterstützung zu. Was zunächst nach einer win-win-Situation aussah, sollte sich schon bald als innenpolitisches Problem für die Präsidentin entpuppen.

Denn zuhause wurden Megawatis Zugeständnisse mit gemischten Gefühlen betrachtet. Eine enge Zusammenarbeit mit der Weltmacht USA wurde von vielen zwar als politischer Ritterschlag empfunden, und die Aussicht, endlich wieder im internationalen Reigen mitzutanzen, wertete das Land auf. Doch vorsichtigere Stimmen warnten schon bald davor, sich zu sehr mit den amerikanischen Zielen zu identifizieren. Denn für die meisten Indonesier waren die Anschläge auf amerikanische Ziele zu diesem Zeitpunkt noch ein rein amerikanisches Problem, und nicht wenige verorteten diese als Reaktion auf amerikanische Politik. Was hatte Indonesien damit zu tun?

Kaum zurück in der Heimat, musste Megawati auch schon massiv zurückrudern mit ihren Zugeständnissen. Als die USA schon Anfang Oktober mit militärischen Interventionen in Afghanistan begannen, war auch den moderaten Kräften im Land kaum mehr zu vermitteln, warum Indonesien sich am amerikanischen Krieg beteiligen und damit die tödlichen Angriffe auf Muslime mittragen sollte. Es kam zu landesweiten Demonstrationen. Auch Stimmen, die ein Ende der wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu den USA forderten, wurden in der Folge lauter. Für radikale Gruppen wie die damals noch aktive militante LJ und die FPI waren die Angriffe auf Afghanistan Öl auf die antiwestlichen und proislamistischen Mühlen. Aber in einem Punkt waren sich Islamisten und moderate Gruppen einig: Indonesien sollte die amerikanischen Rachefeldzüge gegen Afghanistan nicht unterstützen.