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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Verhältnis zum Westen

"Der 11. September ist ein Krieg gegen die Zivilisation." Durch diese von vielen westlichen Politikern - darunter auch der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder - gerne verwendete Formulierung fühlten sich viele Menschen in der arabisch-islamischen Welt ausgegrenzt. Denn, wenn allein der Westen mit seinen Errungenschaften, inklusive den beiden Türmen, pauschal die Zivilisation darstelle, dann müssten nach dieser Logik nicht nur die Attentäter, sondern auch deren Herkunftsländer beziehungsweise deren Religion die "Unzivilisiertheit" verkörpern.

Es war keine Seltenheit, dass nach dem 11. September 2001 Araber in Europa und Amerika von Verwandten in der Heimat gefragt wurden, ob sie auf offener Straße angegriffen werden. Die - wenn auch kurze - Verhaftung des arabischen Autors Ilyas Khoury (im Übrigen ein libanesischer Christ) im Jahr 2002 bei einem Besuch in den USA, nachdem er von seinem Hotel aus ein Fax auf Arabisch zu schicken versuchte, markierte einen von vielen Höhepunkten der "Hysterie" im Hinblick auf die Araber im Westen. Der 11. September bedeutete für Millionen Araber und Muslime in Europa, Amerika, Kanada und Australien den Beginn von Generalverdacht, Rasterfahndung und Anfeindungen seitens der Exekutive, der Massenmedien und oft erheblicher Anteile der Mehrheitsgesellschaft.

Kurzum: Es war der Beginn einer neuen Dimension von Islamophobie. Die heftigen Kopftuch-Debatten, der Karikaturen-Streit und die Erstarkung rechtspopulistischer Kräfte sind nur die Spitze des Eisberges in einer Zeit, die durch Nachrichten über Verhaftungen, Terrorprozesse und Terrorwarnungen gekennzeichnet war. Diese Kluft zwischen "den Arabern" und "dem Westen" zeigte sich auch auf der Staatenebene: Verbündete wie Saudi-Arabien wurden, was bis dahin unvorstellbar war, zum Gegenstand der lauten öffentlichen Kritik. Andere Staaten wie etwa Syrien oder Libyen, zu denen der Westen bis dahin immer auf Distanz ging, wurden - wenn auch inoffiziell, indirekt und nur für kurze Zeit - zu Helfern im Kampf gegen den Terrorismus. Weitere Staaten wie Ägypten, Marokko oder Jordanien sahen sich zu umstrittenen Sicherheitsmaßnahmen fast gezwungen - wie etwa der Entführung von Verdächtigen, dem Errichten von Geheimgefängnissen oder dem bei der eigenen Bevölkerung wenig populären Austausch von Geheimdienstinformationen mit israelischen Stellen.

Nirgends auf der Welt waren und sind die Folgen des 11. September 2001 so sichtbar und spürbar wie in den arabischen Ländern und in den Beziehungen dieser Länder - und deren Minderheiten im Ausland - zum Westen. Es gibt sicherlich objektive Faktoren, die diese Tatsache zum Teil erklären. Schließlich stammen die Attentäter und deren Ideologie aus der arabisch-islamischen Welt. Dennoch sind viele mit der arabisch-islamischen Welt und dem 11. September zusammenhängende Phänomene nicht zu verstehen, ohne die Reaktionen der USA im Speziellen und des Westens im Allgemeinen zu betrachten. Erst seit der Rede des US-Präsidenten Barack Obama in Kairo im Jahr 2009, in welcher er einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen den USA und der arabisch-islamischen Welt versprach, kann die Rede vom Anfang vom Ende der Nachbeben des 11. September in der arabisch-islamischen Welt sein.