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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Moskauer "Großmachtrhetorik"

Putin hatte schnell erkannt, dass die Unterstützung des Kampfes gegen den Terror ihm die Anerkennung des Westens sicherte. Vor allem in Washington erlangte Moskau neue Bedeutung, der vermeintliche Triumph über die zerfallene Sowjetunion trat angesichts der Terrorgefahr in den Hintergrund. Dank seiner militärischen Möglichkeiten, den Erfahrungen aus dem sowjetischen Afghanistan-Krieg und dem russischen Einfluss in Zentralasien schien Russland den USA plötzlich als bedeutsamer strategischer Partner. Vorbei schien die Zeit, als Kongressabgeordnete in Washington sich fragten, warum Russland im Weltgeschehen angesichts schwindender militärischer und wirtschaftlicher Macht eigentlich noch wichtig sei. "Russland gewinnt den Status einer Großmacht zurück", titelte die Regierungszeitung "Rossijskaja Gazeta" und erklärte dies ihren Lesern folgendermaßen: "Es mag zynisch erscheinen, doch es waren die tragischen Ereignisse in den USA vom 11. September, welche die westliche Welt dazu veranlasst haben, erneut die Beziehungen zu Russland zu suchen."[21]

Putins Angebote überraschten nicht nur in Washington. Schließlich gehörte innerhalb der Moskauer Eliten, aber auch innerhalb der Bevölkerung ein offener Anti-Amerikanismus zum guten Ton. Auch nach dem Ende der Sowjetunion hatte sich Moskaus Außenpolitik vor allem durch den Gegensatz zu Washington definiert, sei es im Kosovo-Konflikt 1999, in der Ablehnung der Nato-Osterweiterung oder des geplanten Raketenabwehrsystems der USA in Osteuropa. Putin setzte darauf, diese "Großmachtrhetorik" nun dadurch zu bedienen, dass er stärker auf die Partnerschaft mit den USA, anstatt auf die frühere Gegnerschaft setzte. Auf diese Weise versuchte er den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion auszugleichen und Russland wieder zur Großmacht zu formen.

"In Russland hat man den 11. September eigentlich nicht verstanden", schildert der Islamwissenschaftler Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie Center die Reaktionen in der Bevölkerung.[22] "Er wirkte auf viele wie ein Katastrophenfilm." Er habe im eigenen Bekanntenkreis erlebt, wie viele Menschen sich heimlich freuten, dass es die Amerikaner getroffen hatte. "Viele Russen haben gesagt, dass die USA selbst schuld sind und es verdient haben", erinnert sich Malaschenko. Er spricht von einer widersprüchlichen Reaktion: "Einerseits fanden viele, es sei eine gerechte Strafe für die USA, andererseits gab es natürlich Mitgefühl für die Opfer." Viele, vor allem ältere russische Bürger hatten die US-Politik als arrogant erlebt und waren gekränkt darüber, wie sich die US-Regierung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Sieger des Kalten Krieges zu profilieren versuchte. "Darin zeigt sich ein Minderwertigkeitsgefühl der Russen", sagt Malaschenko. "Natürlich will Russland zu den Großmächten gehörten und bei G8 oder G20 eine entscheidende Rolle spielen." Putin sei es mit seiner Strategie der Verbrüderung mit den USA gelungen, dies wieder zu erreichen: "Putin hat das schwache Russland von den Knien wieder hochgehoben auf Augenhöhe mit den USA."

Fußnoten

21.
Zit. nach: Rolf Peter/Claudia Wagner, Rußland und der "Kampf gegen den Terrorismus", in: Osteuropa, (2001) 11-12, S. 1253.
22.
Im Interview mit der Autorin.