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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Neue Handlungsspielräume

Die lateinamerikanischen Staaten gewannen gleichzeitig politischen Spielraum dadurch, dass Washington ganz auf den "Krieg gegen den Terror" fokussiert war. Die deutlichsten Beispiele für den politischen Einflussverlust der USA auf dem Subkontinent sind vermutlich die diplomatische Krise zwischen Kolumbien und Ecuador (die durch einen Bombenangriff der kolumbianischen Luftwaffe mit Unterstützung der USA auf Stellungen der FARC im ecuadorianischen Grenzgebiet in den frühen Morgenstunden des 1. März 2008 ausgelöst wurde) sowie die bolivianische Krise im August und September des gleichen Jahres. Erstere wurde eine Woche nach dem Vorfall auf dem 20. Gipfel der Rio-Gruppe - ein multilateraler Zusammenschluss lateinamerikanischer Staaten, welchem die USA nicht angehören - in Santo Domingo beigelegt.[12] Die Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) mit Sitz in Washington, 1948 auf Betreiben der USA im Kontext des Kalten Krieges gegründet, diente in diesem Fall entgegen ihrer eigentlichen Funktion als regionales Forum für Konsultation und Konfliktlösung nicht als Schauplatz für die Diskussion und Mediation.

Die bolivianische Krise ging aus einem Konflikt zwischen der Zentralregierung von Präsident Evo Morales und den Präfekten der reichsten Region hervor, die sich einer Umverteilung des Nationaleinkommens zugunsten der ärmeren Regionen widersetzten.[13] Als auf dem Höhepunkt der Krise bekannt wurde, dass sich der US-amerikanische Botschafter Philip Goldberg im Geheimen mit einem der oppositionellen Präfekten getroffen hatte, verwies ihn Morales des Landes, was eine Reihe von weiteren Ausweisungen nach sich zog: Hugo Chavez, Präsident Venezuelas, solidarisierte sich mit Morales und wies den US-amerikanischen Botschafter in Caracas aus, worauf die USA am Tag darauf mit der Ausweisung des bolivianischen und des venezolanischen Botschafters reagierten.

Dies wiederum veranlasste den Präsidenten von Honduras Manuel Zelaya, die Akkreditierung des neuen US-Botschafters in Tegucigalpa aufzuschieben, während der Präsident von Nicaragua Daniel Ortega ein Treffen mit dem damaligen US-Präsidenten Bush absagte. Schließlich berief die Präsidentin Chiles Michelle Bachelet eine außerordentliche Sitzung der Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) zur bolivianischen Krise ein, in der Morales die volle Unterstützung ausgesprochen wurde.[14] UNASUR distanzierte sich von der Position der USA, die einerseits Morales kritisierten, es andererseits aber unterließen, das - sich ebenfalls an einem 11. September ereignete - Massaker von Pando in 2008 zu verurteilen, bei dem 20 Morales-Sympathisanten von Anhängern des oppositionellen Präfekten ermordet wurden.[15] Auch in diesem Fall wurde die OAS zu Gunsten einer - erst im Mai 2008 gegründeten - regionalen Organisation unter Ausschluss der USA verdrängt.

Fußnoten

12.
Vgl. El Tiempo vom 6.3.2008.
13.
Vgl. Spiegel Online vom 16.9.2008: www.spiegel.de/politik/ausland/
0,1518,578469,00.html (15.5.2011).
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. El País vom 4.12.2008.