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30.6.2011 | Von:
Aktham Suliman

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Nachbeben des "arabischen" 11. September

Der 11. September 2001 kam in den USA politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich einem Erdbeben gleich. Nirgends waren die "Nachbeben" so stark zu spüren wie in der arabisch-islamischen Welt. Dies gilt sowohl für einzelne Länder wie den Irak als auch für die Gesamtatmosphäre zwischen "den Arabern" und "dem Westen". Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Titelseite der internationalen arabischen Zeitung "Al-Quds al-Arabi" (arab.: Das Arabische Jerusalem) am Mittwoch, den 12. September 2001, kaum von amerikanischen, europäischen oder sonstigen Zeitungen am Tag nach den Angriffen vom 11. September 2001. Die in London erscheinende und in den meisten arabischen Ländern vertriebene Zeitung titelte: "Angst in Amerika: Angriffe mit Flugzeugen und Explosionen sprengen das Internationale Handelszentrum und treffen das Weiße Haus, das Pentagon und das Außenministerium und bringen vier Flugzeuge zum Sturz. Bush und andere hohe Beamte verstecken sich in sicheren Orten. Tausende Tote und Verletzte." Darunter sind vier Bilder, die den Sturz des zweiten Turms des Internationalen Handelszentrum dokumentieren. Auf derselben Seite ist ein weiterer Artikel: "Amerikas Bild bricht vor den Augen der Welt zusammen." Weiter unten finden sich zwei kürzere Artikel darüber, dass die amerikanischen Truppen am Arabischen Golf in Alarmbereitschaft versetzt wurden, und dass die Investoren weltweit aus den Börsen in Richtung Gold flüchteten. "Al-Quds al-Arabi" steht stellvertretend für die meisten arabischen Zeitungen, Zeitschriften und anderen Massenmedien und damit für die arabische öffentliche Meinung im Allgemeinen. Zwischen den westlichen und den arabischen Medien gab es viele Parallelen in der Wahrnehmung und der Reaktion: Schock, Unklarheit und zum Teil durch das Chaos in den Vereinigten Staaten von Amerika bedingte falsche Tatsachenbehauptungen. Doch eines taten die arabischen Medien nicht: Spekulieren über die Täter und Drahtzieher der Angriffe. Die Sorge in der arabischen Welt war zu groß, um zu spekulieren.

In den ersten Stunden nach den Angriffen vertraten einige westliche Medien die Ansicht, dass die Täter aus palästinensischen Organisationen stammen könnten. Andere sprachen relativ schnell vom "Islamischen Terrorismus" und einige Tage später von einer möglichen Beteiligung des damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein in Zusammenarbeit mit Al Qaida. Zwar waren dies alles nur Spekulationen, dennoch zeichnete sich bereits eine Tendenz ab: Die Schuldigen waren in der "arabisch-islamischen Welt" zu suchen.

Die Unterschiede zwischen den westlichen und arabischen Medien in der Berichterstattung wurden immer größer: Während in manchen westlichen Publikationen Bilder von Arabern in jordanischen Palästinenserlagern zu sehen waren, die angeblich vor lauter Freude über die Angriffe Süßigkeiten verteilten, handelten die Analysen und Kommentare der seriösen arabischen Medien von den Ängsten vor möglichen Konsequenzen der Angriffe auf die arabischen "Problemregionen": die palästinensischen Gebiete, Irak und die Beziehungen zum Westen beziehungsweise die Lage der arabischen Migrantinnen und Migranten in Europa und den USA. Es gab auch weniger seriöse arabische Medien und Teile der Massen, die ihren seelischen Frieden in "Verschwörungstheorien" fanden: Demnach seien Araber - Al Qaida hin oder her - technisch nicht in der Lage, die Angriffe zu organisieren und durchzuführen (eine Art Selbstzweifel?); die Sicherheitsmaßnahmen der Amerikaner könnten doch nicht so ohne weiteres umgangen worden sein; der US-Auslandsgeheimdienst CIA selbst stecke vermutlich hinter dem Ganzen (eine Art Überschätzung des Anderen?). Doch es sollte sich herausstellen, dass die Spekulationen des Westens und nicht die Gegenspekulationen mancher Araber die Entwicklungen in den drei "Problemfeldern" (palästinensische Gebiete, Irak und das Verhältnis zum Westen) mitbestimmen würden.