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7.6.2011 | Von:
Timothy Snyder

Im dunkelsten Belarus

Ähnlichkeiten und Anspielungen

Das Belarus des Romans ähnelt sehr stark der Diktatur Lukaschenkas. Belarus ist ein mittelgroßer osteuropäischer Staat, der im Westen an Polen, im Osten an Russland, im Norden an Litauen und Lettland und im Süden an die Ukraine grenzt. Ein halbes Jahrtausend lang war er das Zentrum des mittelalterlichen Großfürstentums Litauen, dann der polnisch-litauischen Adelsrepublik und wurde im späten 18. Jahrhundert eine Grenzregion des Russischen Reichs. Weil das gesamte heutige Belarus im 19. Jahrhundert von den Zaren beherrscht wurde, war die Entwicklung einer Nationalbewegung schwierig. Die Hauptreligion des Landes war zunächst die Unierte Kirche, die dem orthodoxen Ritus folgte, aber dem Vatikan unterstellt war. Sie wurde dann mit der russisch-orthodoxen Kirche vereinigt. Die belarussische Sprache ähnelt sowohl dem Russischen als auch dem Polnischen, daher strebten lokale Eliten den sozialen Aufstieg durch die Übernahme einer dieser beiden Sprachen an.

Die Nationalbewegung fand Anfang des 20. Jahrhunderts Anhänger, aber eine kurzlebige Belarussische Volksrepublik wurde bald von der Sowjetunion absorbiert. Die sowjetische Führung ermunterte zunächst die belarussische Kultur, bis Stalin fast alle wichtigen belarussischen Autoren im Großen Terror ermorden ließ. Während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Sowjetpartisanen belarussische Lehrer als Kollaborateure mit den Deutschen. Die Juden des Landes sprachen meist Belarussisch, und auch einer der ersten großen Nationalaktivisten war Jude. Die deutschen Massenerschießungen von Juden während des Krieges brachten diese Gruppe fast zum Verschwinden. In den Jahren nach dem Krieg gab es nur eine Synagoge in einem Land, das einmal ein Zentrum jüdischen Lebens gewesen war.

Nach dem sowjetischen Sieg wurde Belarus auf Kosten Polens nach Westen erweitert, und Zehntausende Polen und Juden wurden aus den neuen Gebieten nach Polen vertrieben. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde Minsk als sowjetische Metropole wiederaufgebaut, die russische Sprache fest verankert und Stützpunkte der Roten Armee entlang der neuen sowjetischen Westgrenze errichtet. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde Belarus ein unabhängiger Staat.

Martinowitsch gibt nur wenige und indirekte historische Anspielungen, doch sie lassen wenig Zweifel über den Schauplatz. Der Roman spielt in einer Großstadt, die in jedem Detail dem heutigen Minsk entspricht. Die Herausforderung des Regimes war offensichtlich: Der Roman verschwand nach zwei Tagen aus den Regalen.

Belarus als Reisender zu betreten oder zu verlassen bedeutet Bekanntschaft mit dem KGB. Auf dem europäischen Flughafen, von dem aus man nach Minsk fliegt, patrouilliert ein Beamter oder eine Beamtin im Abflugbereich. An einem bestimmten Punkt überprüft er oder sie den Ausweis aller Passagiere, allerdings ist nicht klar, mit welcher Befugnis. Bei der Abreise kontrolliert ein offensichtlicher KGB-Funktionär am Flughafen von Minsk erneut die Papiere, bevor man an Bord der Maschine geht. Dann geht er mit. Wahrscheinlich begleitet er einen Offiziellen auf einer Auslandsreise, denn ab einer gewissen Wichtigkeit dürfen Belarussen nicht ohne politischen Aufpasser reisen. Aber vielleicht beobachtet er auch einen selbst. Sobald man diesen Gedanken hat, ist man Teil der Welt der Paranoia, über die Martinowitsch schreibt.

Nur an Orten wie Flughäfen fällt einem der KGB auf, deshalb beginnt man nachzudenken, wer Geheimpolizist ist und wer nicht. Für Belarussen kommt die Erkenntnis fast immer zu spät, nämlich bei einer Verhaftung. Die übrigen - und sehr zahlreichen - Polizeikräfte sollen dagegen höchst sichtbar sein. Durch Tarnanzüge sollen Soldaten ungesehen kämpfen, aber wenn sie von den Einsatzkräften in Minsk getragen werden, erhöhen sie das Gefühl der Bedrohung. An Straßenecken und auf U-Bahnhöfen stehen Soldaten des Innenministeriums in Galauniformen mit Schlagstöcken oder Pistolenhalftern. Dazu kommt die allgegenwärtige uniformierte Stadtpolizei. Alle diese Sicherheitsorgane werden von Lukaschenka kontrolliert; Innenministerium und KGB unterstehen seinem Sohn Viktor.[4] Die Offiziere tragen große Mützen, schlecht sitzende Uniformen und Aktentaschen. Die Wehrpflichtigen tragen rote Sterne an den Ärmeln, was an eine Sowjetvergangenheit erinnert, die sie nie kennengelernt haben. Sie sprechen Russisch miteinander, die dominierende Sprache des Landes und die Kommandosprache des Militärs. Etwa einer von 43 belarussischen Bürgern dient in der Armee, ein Anteil, der weit über dem von Belarus' Nachbarn und unter den höchsten in der Welt liegt. Die Existenz und lange Dauer der Wehrpflicht ist eine Form der sozialen Kontrolle. Junge Menschen, die eine Bedrohung für das Regime darstellen könnten, werden früh eingezogen und weit entfernt von zuhause stationiert.

Der öffentliche Raum von Minsk, den die Sowjetbehörden nach der Zerstörung der Stadt durch die Deutschen entwarfen, erlaubt wenig Alleinsein. Martinowitsch lässt Anatoli eine Stadt beschreiben, die für den KGB nach Maß entworfen ist, mit langen, breiten Ausfallstraßen und weit offenen Plätzen. Auf dem riesigen Unabhängigkeitsplatz im Stadtzentrum kann man nirgends sitzen. Minsk ist so sauber, dass Wien im Vergleich schmuddelig wirkt. Die Straßen werden permanent von uniformierten Reinigungskräften gefegt. Martinowitsch schmückt sein fiktives Minsk mit attraktiven Reklametafeln, auf denen Batman-ähnliche KGB-Offiziere zu sehen sind. Tatsächlich gibt es in der realen Stadt Drehplakate, die abwechselnd den Triumph der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg feiern und Frauen in Bikinis zeigen. "Sie gingen nach Hause", schreibt Martinowitsch einmal über seine Liebenden, "wohin sollten sie sonst gehen?" Im Zentrum von Minsk erstrecken sich kilometerlange Häuserblocks ohne eine einzige Sitzbank. Die Botschaft ist klar: Wenn du deine Arbeit getan hast, gehe zurück in deine Wohnung. Aber die Wohnung ist wie im Sowjetsystem, das Lukaschenka in vielerlei Hinsicht fortsetzt, keine Privatsphäre wie im Westen. Obwohl das Privateigentum gesetzlich geschützt ist, lässt sich die Eigentümerschaft jederzeit aus formalen Gründen anfechten.

Trotz der in der Verfassung verankerten Rechte ist alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Um irgendetwas in der Öffentlichkeit zu tun, müssen die Bürger zunächst ankündigen, was sie tun wollen, und die Organisation angeben, in deren Rahmen die Aktion stattfinden wird. Aktion und Organisation müssen vom Staat ausdrücklich anerkannt und registriert sein. Wenn die Behörden eine Organisation verschwinden lassen wollen, bedrohen sie den Besitzer des Gebäudes, in dem sie angemeldet ist, und verfolgen dann ihre Mitglieder wegen illegaler Mitgliedschaft in einer Gruppe ohne offizielle Adresse. Das Schreckgespenst der "Registrierung" ist ein Versuch, völlige soziale Kontrolle zu erlangen. Weihnachten 2009 verkündeten 15 belarussische Bürger in rotweißer Kleidung mit falschen Bärten, sie wollten "als unregistrierter Weihnachtsmannverein" Weihnachtsstimmung verbreiten.[5] Man sagte ihnen, in diesem Fall würden sie gerichtlich belangt. Im Mai 2010 löste Einsatzpolizei eine kleine Demonstration für Schwulenrechte auf. Im Juli begingen mehrere Hundert junge Leute einen militärischen Gedenktag mit einer öffentlichen Kissenschlacht. Die Einsatzpolizei nahm mehrere Dutzend von ihnen fest. Die Kissenschlacht war als Flashmob durch elektronische Medien organisiert worden, die die Behörden noch nicht völlig unter Kontrolle haben. Doch die wenigen Internetcafés müssen ihre Kunden der Polizei melden. Nur etwa acht Prozent der Bevölkerung hat Zugang zum Internet, und nur die Regierung darf Webseiten betreiben. Wie das ganze öffentliche Leben sind die Universitäten durchdrungen von staatlichen Nichtregierungsorganisationen. Oberschüler müssen Lukaschenkas Jugendbund beitreten, wenn sie studieren wollen. Ihre Professoren müssen an ideologischen Orientierungssitzungen teilnehmen. Alle Universitäten und Schulen, einschließlich der privaten, werden vom Bildungsminister kontrolliert. Die Akademie der Wissenschaften untersteht direkt dem Präsidenten.

Martinowitschs Protagonist Anatoli sieht "Stabilität" als das Ziel des Regimes an. Neben der Beherrschung der öffentlichen Sphäre und der Isolierung der Bürger verfolgt Lukaschenka noch eine dritte Strategie, die man "Verpflanzlichung" nennen könnte. Vielleicht ähnelt seine Ideologie am ehesten der von Marschall Pétains Vichy-Regime: eine Idealisierung von Heim und Herd, ein ungleiches und erstickendes Bündnis mit einem mächtigen Nachbarn im Osten und eine ständige Frontstellung gegen Außenseiter.

Lukaschenkas ideales Belarus ist ein Agrarland: "Ich bin nicht wie andere Präsidenten. In mir steckt eine Kuh."[6] Lukaschenka regiert ein Land, in dem die Landwirtschaft immer noch kollektiviert ist; er selbst war einmal Kolchosendirektor. Bauern sind Staatsangestellte, denen der Boden nicht gehört und die wenig Aussicht haben, ihn zu verlassen. Die Armut auf dem Land, vielleicht das wichtigste Erbteil der Sowjetära, wird als idyllisch dargestellt. Das inoffizielle Nationalmotto ist "Blühe Belarus!" Lukaschenkas Propaganda stellt das eigene Volk nicht als politisch reife Nation dar. Es ist eher eine ethnische Gruppe in Folklorekostümen aus der Sowjetzeit, die irgendwo zwischen Feldern und Vieh lebt und sich nur um ihre Ernährung und ihr Dach über dem Kopf kümmert.

Lukaschenkas Entnationalisierungskampagne ist keineswegs der Primitivismus eines Provinzlers, sondern funktioniert als schlaue Strategie der Beziehungen nach außen. Statt den individuellen Charakter des Volkes zu betonen, hat Lukaschenka seine Bürger als ideologisches Rohmaterial behandelt. Er hat gewissermaßen den Nationalstolz seines Volkes nach Russland exportiert, wo Politiker, die sich nach dem Imperium zurücksehnten, den Glauben hegten, eines Tages könnten sich beide Länder wieder vereinigen. Im Austausch gegen die Tolerierung der russischen Vorstellung, Belarus sei gar keine Nation, und den Versuch, dies unter den Belarussen selbst zu verbreiten, hat Lukaschenka billiges Erdgas aus Russland bezogen. Er hat russischen Staatschefs von Jelzin bis Medwedew mit unterwürfiger Rhetorik geschmeichelt und nennt Russland die "Mama" Belarus'. Er hat verschiedenen Formen der wirtschaftlichen Einheit mit Russland zugestimmt und außerdem die politische Vereinigung versprochen. Da er aber sicherstellte, dass keine dieser Vereinbarungen je verwirklicht wurde, ist es ihm durch russische Energiesubventionen gelungen, der Gesellschaft ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Sicherheit zu geben.[7] Seine bis vor kurzem sehr erfolgreiche Herrschaftsstrategie gründete darauf, russische Herzen durch panslawische Rhetorik und belarussische Haushalte durch billiges Erdgas zu erwärmen.

Fußnoten

4.
Gute Analysen liefern Kamil Kysinsky und Agata Wierzbowska-Miazga, Changes in the Political Elite, Economy, and Society of Belarus, in: OSW Studies, 30 (2009), und Elena Korosteleva, Was There a Quiet Revolution? Belarus After the 2006 Presidential Election, in: Journal of Communist and Transitions Politics, 25 (2009) 2.
5.
Vgl. den Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums über Belarus vom März 2010, www.state.gov/g/drl/rls/hrrpt/2009/eur/
136021.htm (nicht mehr online).
6.
Komsomolskaja Prawda v Belorussii vom 21.5. 2010.
7.
Vgl. Adam Eberhardt, Gra Pozorow: Stosunki rosyjsko-biaoruskie 1991-2008, Warschau 2009.