30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

25.5.2011 | Von:
Frank Sparing

NS-Verfolgung von "Zigeunern" und "Wiedergutmachung" nach 1945

Deportation

Während bis Ende der 1930er Jahre eine Radikalisierung der Zigeunerverfolgung im Wesentlichen durch lokale Vorstöße erfolgt war, gingen mit der Etablierung der Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens im RKPA und verstärkt seit Kriegsbeginn die maßgeblichen Impulse in der Zigeunerverfolgung zunehmend von der neugeschaffenen Zentrale aus. Mit dem im Oktober 1939 erlassenen "Festsetzungserlaß", dem Verbot eines Ortswechsels für Zigeuner bei Androhung einer Einweisung ins KZ, verfügten die "Dienststellen für Zigeunerfragen" erstmals über ein wirksames Kontrollinstrument.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden die Maßnahmen auf eine bevölkerungspolitische Gesamtlösung der "Zigeunerfrage" ausgerichtet, die nach der Schaffung des Generalgouvernements in einem Teil des besetzten Polen als realisierbar erschien. Die Deportation aller etwa 30000 Zigeuner aus dem Reich in ein für die Aufnahme von Juden und Zigeunern vorgesehenes Gebiet zwischen Bug und Weichsel wurde zur zentralen Option nationalsozialistischer Zigeunerpolitik. Diese von Heinrich Himmler und dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) angestrebte Gesamtlösung scheiterte an den durch erste Massenumsiedlungen geschaffenen Problemlagen vor Ort, aber auch am Widerspruch des Generalgouverneurs Hans Frank. Für Mai 1940 wurde daher zunächst die Deportation von 2500 Zigeunern aus den westlichen und nordwestlichen Grenzgebieten des Reiches angeordnet. In den Morgenstunden des 16. Mai 1940 wurde überall mit der Verhaftungsaktion und der Zusammenfassung der Zigeuner in den Sammellagern in der Fruchthalle im Hamburger Hafen, der Köln-Deutzer Messe sowie dem Hohen Asperg, einer Zweigstelle des Zuchthauses Ludwigsburg, begonnen.

Den "Richtlinien für die Umsiedlung von Zigeunern" zufolge sollten erkrankte Zigeuner oder solche, die aus anderen Gründen Schwierigkeiten im Falle einer Deportation erwarten ließen, vom Abtransport verschont bleiben. Diese Bestimmungen wurden jedoch weitgehend ignoriert; vereinzelt wurden sogar Personen deportiert, die später als "Nichtzigeuner" eingestuft wurden. Offenbar wurden bevorzugt Arbeitsunfähige für den Abtransport ausgewählt. Bevor schließlich etwa 2800 Zigeuner am 21. und 22. Mai 1940 in Güter- und Personenzüge verladen wurden, mussten sie eine Erklärung unterschreiben, wonach sie im Falle unerlaubter Rückkehr sterilisiert und in ein KZ eingewiesen werden würden.

Für die in das Generalgouvernement deportierten Zigeuner waren durch das RSHA keine Pläne, sondern lediglich vage Vorgaben entwickelt worden: Sie wurden auf einzelne Distrikte verteilt, sollten zur Arbeit eingesetzt und an der Rückkehr gehindert werden. Weder waren Unterkünfte vorbereitet, noch war die Frage anfallender Kosten geregelt. Seit Mitte 1941 wurden die Zigeuner zunehmend in Ghettos konzentriert, wo sie unter elenden Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten und auch in die Vernichtungsaktionen gegen jüdische Insassen einbezogen wurden. Trotz der angedrohten Sanktionen versuchten annähernd zehn Prozent der Deportierten aufgrund der lebensbedrohlichen Situation im Generalgouvernement zurück ins Reich zu gelangen. Solche Rückkehrversuche verliefen jedoch meist erfolglos, da die Kriminalpolizei in der Regel sofort mit KZ-Einweisungen reagierte.[10]

Fußnoten

10.
Vgl. Michael Krausnick, Abfahrt Karlsruhe. 16.5.1940. Die Deportation der Karlsruher Sinti und Roma, Neckargemünd 1990; Michael Zimmermann, Deportation ins "Generalgouvernement". Zur nationalsozialistischen Verfolgung der Sinti und Roma in Hamburg, in: Frank Bajohr/Joachim Szodrzynski (Hrsg.), Hamburg in der NS-Zeit, Hamburg 1995, S. 151-173; K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 195-236.