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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Anhand einzelner sportbezogener Konflikte in Geschichte und Gegenwart werden die zahlreichen Zusammenhänge zwischen Protest und Sport exemplarisch beleuch­tet. Der Protest wird immer vielfältiger, kreativer und auch professioneller.

Einleitung

Kaum einer politischen Ausdrucksform wird gegenwärtig mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem politischen Protest. Die Kundgebungen und Demonstrationen der vergangenen Monate - von Stuttgart bis Kairo - zeugen von anhaltender, ja wachsender Bereitschaft zu "kollektiver, öffentlicher Aktion", insbesondere von nichtstaatlichen Akteuren, mit der "Kritik oder Widerspruch zum Ausdruck" gebracht und die "Formulierung eines gesellschaftlichen oder politischen Anliegens" verbunden wird.[1] Dass der aktuelle Protestboom auch im Sport seinen Niederschlag findet, zeigte sich nicht nur am Widerstand der Garmisch-Partenkirchener Grundstückseigentümer gegen die Bewerbung Münchens um die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018, sondern auch an den Protestplakaten von Fans gegen den inzwischen gestürzten tunesischen Staatspräsidenten Ben Ali während der jüngsten Handball-WM in Schweden.

Sport im Allgemeinen - und Fußball als weltweit populärster Sportart im Besonderen - wird beträchtliches Potenzial zugeschrieben, auch nicht unmittelbar sportbezogenen Interessen als Projektionsfläche zu dienen. Es gilt nicht mehr allein die Parole, "was zählt is' auf'm Platz", sondern es sind in zunehmendem Maße Verknüpfungen von sportlichen und außersportlichen Interessen auszumachen. Waren es früher vor allem internationale Sportgroßereignisse, bei denen Diktatoren mit Hilfe erfolgreicher Olympioniken, oder Militärregierungen durch Erfolge bei Fußballweltmeisterschaften sportliche Siege in politische Zustimmung ummünzten, so hat sich das Ausmaß an Vereinnahmungsprozessen im Sport in den zurückliegenden 20 Jahren deutlich erhöht und weiter ausdifferenziert.[2] Wenig Beachtung ist bislang jedoch dem Umstand gewidmet worden, dass der (Spitzen-)Sport nicht nur zur außersportlichen Popularitätssteigerung beiträgt, sondern auch als Instrument zur Artikulation von Protest genutzt wird.[3]

Zu den grundlegenden Kennzeichen von Protest gehört die Artikulation von Widerspruch, die mit der Forderung nach Wandel oder Veränderung verbunden wird, um einen Missstand zu beheben oder vor drohenden Fehlentwicklungen zu warnen. Die dabei zum Tragen kommenden Formen des Protestrepertoires variieren ebenso wie Themen, Träger und Ausmaß. Gemein ist fast allen Protesten jedoch das Bemühen, öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken, Zustimmung zu finden und potenzielle Unterstützer für das eigene Anliegen zu mobilisieren.[4]

Dieser Beitrag lenkt den Blick in typologischer Absicht insbesondere auf sportbezogene Protestformen und -themen. Grundsätzlich ist dabei zwischen zwei Hauptformen zu unterscheiden: Zum einen Protestereignisse, bei denen es im engeren Sinne nicht um sportliche Interessen geht, sondern bei denen der Sport vielmehr eine Projektionsfläche für politischen oder sozialen Protest darstellt, dessen Zielsetzungen mit Sport allenfalls mittelbar verkoppelt sind; zum anderen Fälle, in denen es um sportliche Interessen geht und der Anlass des Protests unmittelbar mit Sport verbunden ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Friedhelm Neidhardt/Dieter Rucht, Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994, in: Dieter Rucht (Hrsg.), Protest in der Bundesrepublik, Frankfurt/M.-New York 2001, S. 28.
2.
Vgl. als Überblick: Jürgen Mittag/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.), DasSpiel mit dem Fußball. Interessen, Projektionen und Vereinnahmungen, Essen 2007.
3.
So existiert im 250-seitigen Register der achtbändigen International Encyclopedia of Revolution and Protest. 1500 to the Present (hrsg. von Immanuel Ness, Chichester u.a. 2009) kein Eintrag zum Thema Sport. Zum Problemfeld liegen vor allem essayistisch oder akteurszentriert geprägte Abhandlungen vor. Vgl. Dave Zirin, A people's history of sports in the United States, New York-London 2008; Fred Coalter, A Wider Social Role for Sport. Who's keeping the score?, London 2007.
4.
Vgl. Sabine Ursula Nover, Protest und Engagement. Wohin steuert unsere Protestkultur?, Wiesbaden 2009, S. 28f.

Fußball - mehr als ein Spiel
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