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6.4.2011 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Carsten Keller

Ein halbes Leben. Vier Kurzporträts aus einer Arbeitswelt im Umbruch

Wie hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Wie erfahren Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen diese Veränderungen, wie gehen sie damit um? In diesem Beitrag gewähren vier Personen Einblicke in ihr Arbeitsleben.

Herr Faruk

Herr Faruk ist kein typischer Repräsentant der türkischen "Gastarbeiter". Im Jahr 1983, zehn Jahre nach dem Anwerbestopp, emigriert er im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland. Seine Frau war dagegen schon 1970 nach Deutschland ausgewandert, wo sie in einer Druckerei arbeitete. Die Entscheidung, seiner Frau nachzuziehen, schildert Herr Faruk als das Ergebnis eines längeren Abwägens. So hatte er in seinem Herkunftsdorf einen angesehenen Status als Volksschullehrer inne; in Deutschland würde er nach eigener Einschätzung jedoch "ganz unten" anfangen müssen. Ausschlaggebend für die Emigration seien dann auch angesichts der Umbrüche in der Türkei politische Motive gewesen.

In Deutschland bleibt Herr Faruk zunächst fünf Jahre ohne Arbeitserlaubnis. Konfrontiert mit der Unmöglichkeit, eine Anstellung als Lehrer zu finden, und der als belastend empfundenen Situation, nur für den Haushalt zuständig zu sein, beginnt er seine dortige Arbeitsbiografie mit einer Reihe selbständiger Tätigkeiten. Er arbeitet als Marktverkäufer, führt einige Jahre ein Café, um schließlich eine Fernsehproduktion aufzuziehen, die jedoch in Insolvenz und Schulden mündet. Nach dieser Periode selbständiger Erwerbstätigkeiten vermittelt ihm seine Frau im Jahr 1988, als er seine Arbeitserlaubnis erhält, eine Stelle in jener Druckerei, wo sie seit vielen Jahren arbeitet. So tritt Herr Faruk nach gut fünf Jahren seinen, wie er es ausdrückt, "ersten richtigen Arbeitstag" in Deutschland an. In der Position des ungelernten "Produktionshelfers" lernt er die Welt des Industriegewerbes kennen. Dabei erlebt Herr Faruk die Herabwürdigung und Diskriminierung der "Gastarbeiter" in deutschen Betrieben. Diesen will und kann er sich nicht gänzlich unterwerfen. Sicherlich auch wegen seines statushöheren Hintergrundes als Volksschullehrer verhält er sich eigensinnig und bis zu einem gewissen Grad widerständig. Die beständige Schlechterbehandlung seiner ausländischen Kollegen im Betrieb zehrt jedoch, und die Konflikthaftigkeit seiner Renitenz führt ihn schließlich in eine psychische Krise, so dass er nach 15 Jahren den Betrieb verlässt.

Danach gefragt, wie sich die Arbeitswelt in der Druckerei in diesen 15 Jahren verändert hat, antwortet Herr Faruk in Bildern: dem eines Glases, in das beständig Wasser tropft, bis es irgendwann überläuft; und dem eines ausgestreckten Armes, der ein Blatt Papier zu halten hat, bis er irgendwann müde wird. Der technische Wandel und die Beschäftigungskrise im Druckereigewerbe kommen in der Erzählung von Herrn Faruk gar nicht vor. Vielmehr überwiegt schlicht die Permanenz der "ethnischen Unterschichtung", der Schlechterbehandlung und Diskriminierung ausländischer Arbeiter, die kaum eine Aussicht auf innerbetrieblichen Aufstieg haben.[1]

Fußnoten

1.
Das Gespräch wurde von Carsten Keller im April 2009 in Anwesenheit einer Übersetzerin geführt. Der Interviewer spricht nur deutsch, der Interviewte antwortet in der Regel direkt auf die Fragen. Er spricht überwiegend türkisch, zeitweise aber auch deutsch. Die deutschen Passagen des Interviewten sind daher in Kapitälchen gesetzt. Wir haben die Erzählungen des Interviewten von Beate Klammt - ihr sei an dieser Stelle herzlich gedankt - aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzen lassen.