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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Die Initiativen zu "Guter Arbeit" knüpfen an die Tradition des Reformprojekts "Humanisierung der Arbeit" der 1970er Jahren an. Dieses bietet viel historisches Lernpotenzial; es gilt aber auch, die veränderten Rahmenbedingungen zu beachten.

Einleitung

Die "Qualität der Arbeit" war in den beiden vergangenen Jahrzehnten kein Thema größerer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wenn die Losung "Hauptsache Arbeit" heißt, treten Fragen der "Qualität der Arbeit" in den Hintergrund. Nicht wie wir arbeiten bewegt die Gemüter, sondern ob noch genügend Arbeit für alle da ist. Nicht erst seit der vergangenen Krise hat sich das Problem einer wachsenden Unsicherheit und subjektiven Verunsicherung in den Vordergrund der gesellschaftlichen Diskussion geschoben: Es geht dabei jedoch nicht nur um die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, die zunehmend auch bislang privilegierte Beschäftigtengruppen erreicht. Es geht auch um die abnehmende Sicherheit, ein auskömmliches Einkommen zu erzielen, um die Befürchtung, den wachsenden Anforderungen gesundheitlich und qualifikatorisch nicht gewachsen zu sein, und um die schwindenden Möglichkeiten, Arbeit und Leben zu vereinbaren.

Hinter diesen Ängsten verbergen sich Probleme einer sich verschlechternden "Qualität der Arbeit", die in den vergangenen Jahren zunehmend zu Tage getreten sind. Den Initiativen, die unter dem Label "Gute Arbeit" gegründet wurden, geht es deswegen auch zunächst darum, "schlechte Arbeit" und einen weiteren Abbau von Arbeitnehmerrechten zu verhindern. "Gute Arbeit" wird dabei als "neues arbeitspolitisches Humanisierungsprojekt verstanden", das explizit an die "Traditionslinie der Humanisierung der Arbeit" der 1970er Jahre anknüpfen will.[1] Das mag zunächst auch daran liegen, dass man in Zeiten arbeitspolitischer Defensive gerne an die früheren arbeitspolitischen Erfolge erinnern will. Schließlich war mit der "Humanisierung der Arbeit" (HdA) in den 1970er Jahren ja tatsächlich eine arbeitspolitische Wende eingeleitet worden, und genau das ist die Intention, die hinter den Initiativen zu "Guter Arbeit" steht. Warum dann der Wechsel des Begriffs? Dahinter steckt offensichtlich keine explizite, klar formulierte Überlegung der Akteure. Wir haben es wohl eher mit einem Begriffswechsel zu tun, der sich "hinter ihrem Rücken" durchgesetzt hat.

Um sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Initiativen damals und heute vor Augen zu führen, ist es sinnvoll, sich den historischen Ausgangspunkt und die dazwischenliegenden Prozesse der Veränderung in den vergangenen 40 Jahren genauer anzuschauen. Damit könnten auch die besonderen Herausforderungen deutlicher werden, vor die sich die arbeitspolitischen Akteure heute gestellt sehen, wenn sie sich die Aufgabe einer "Verbesserung von Arbeitsbedingungen" wieder - oder zumindest wieder sichtbarer - auf die Fahne schreiben wollen.

Fußnoten

1.
Klaus Pickshaus/Hans-Jürgen Urban, Perspektiven gewerkschaftlicher Arbeitspolitik. Plädoyer für eine neue Humanisierungsinitiative, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 53 (2002) 10/11, S. 631-639.