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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Humanisierung durch Rationalisierung?

Die weitere Entwicklung des HdA-Programms ist ein guter Indikator für die Entwicklung von nicht nur staatlicher Arbeitspolitik. Sie zeigt zunächst, wie die Perspektive einer "Humanisierung der Arbeit" in den folgenden Jahrzehnten sukzessive aus den politischen Programmatiken verschwindet. An die Stelle einer "Qualität der Arbeit" treten ökonomische und technische Zielsetzungen: Sei es die wirtschaftliche Modernisierung oder später, im Zeichen der Globalisierung, die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der deutschen Industrie. Staatliche und auch gewerkschaftliche Arbeitspolitik überließ das Feld der Arbeitsgestaltung weitgehend den Unternehmen und ihren Rationalisierungs- und Reorganisationsmaßnahmen. Eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen sollte sich quasi im Selbstlauf im Gefolge betrieblicher Rationalisierung ergeben. "Humanisierung durch Rationalisierung", so könnte man die damals vorherrschende Orientierung beschreiben, die in den 1980er Jahren in einer Vielzahl technikorientierter HdA-Projekte ihren Ausdruck fand und in ingenieurwissenschaftlichen Visionen fortschreitender Automatisierung ("menschenleere Fabrik") gipfelte.[12]

Auch in der sozialwissenschaftlichen Arbeitsforschung und zum Teil auch bei den Gewerkschaften entwickelte sich eine regelrechte Gestaltungseuphorie. Mit den Mitte der 1980er Jahre propagierten "Neuen Produktionskonzepten" wurde das Ende der Arbeitsteilung ausgerufen.[13] Auch hier ging es um die Vereinbarkeit von Rationalisierung und Humanisierung. Die Erfolge jener Phase konzentrierten sich auf so genannte Win-Win-Situationen in den Unternehmen und nicht mehr auf gesellschaftliche Kompromisse wie noch zu Beginn des HdA-Programms. In den 1990er Jahren trat die zum neuen Produktionsmodell hochstilisierte, vermeintliche Abkehr vom Taylorismus in Form eines an japanischen Produktionsmethoden orientierten Modells der Lean Production ins Zentrum der arbeitspolitischen Debatte. Damit schienen sich viele der alten Humanisierungsziele zu erfüllen: von flexiblen, selbstbestimmten Arbeitszeiten über Gruppenarbeit bis hin zu größerer Selbstorganisation und Selbstverantwortung. Eine eigenständige staatliche und gewerkschaftliche Arbeitsgestaltungspolitik erschien weitgehend überflüssig. Das sollte sich als Trugschluss erweisen, als deutlich wurde, dass mit den neuen Managementkonzepten gerade in jenen "humanisierten Arbeitsformen" neue Gesundheitsgefährdungen entstehen. Unter den Bedingungen "indirekter, marktvermittelter Steuerung" kann mehr Autonomie in der Arbeit zu Überforderung und damit zu neuen Formen einer gesundheitlichen "Selbstgefährdung" führen.[14]

Fußnoten

12.
Der Haushalt des HdA-Programms hatte sich in diesem Jahrzehnt inzwischen bei ca. 100 Millionen DM konsolidiert. Daran hatte auch Hans Matthöfer großen Anteil, der als Forschungsminister 1974 das HdA-Programm auf den Weg brachte und später als Finanzminister dafür sorgte, dass die Mittel 1982 auf 107,3 Mio. DM stiegen (1974 waren es zu Beginn 11,3 Mio. DM). Unter der Regierung Kohl fielen sie 1984 auf 83,1 Mio. DM. Vgl. Werner Abelshauser, Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn 2009, S. 297.
13.
Vgl. Horst Kern/Michael Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion, München 1984.
14.
Vgl. Klaus Peters/Dieter Sauer, Indirekte Steuerung - eine neue Herrschaftsform, in: Hilde Wagner (Hrsg.), "Rentier' ich mich noch?" Neue Steuerungskonzepte im Betrieb, Hamburg 2005, S. 23-58.