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6.4.2011 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Arbeitskraft ist mehr als eine Ware. Arbeiten in der postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft

Die Welt der Erwerbsarbeit ist durch sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen und Widersprüche gekennzeichnet. Neuen Freiheitsspielräumen stehen prekäre Lebensverhältnisse und ein Anstieg bei psychischen Erschöpfungskrankheiten gegenüber.

Einleitung

Die Lebensbedingungen in einer Gesellschaft sind davon geprägt, wie Arbeit organisiert ist. Seit der Umwälzung von Produktionsmethoden durch den industriell-technischen Fortschritt und seit der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft in Europa ist menschliche Arbeit ins Zentrum gesellschaftspolitischer Aufmerksamkeit gelangt:[1] Das Zusammenspiel von Arbeitsteilung und neuen Techniken gilt seit Adam Smiths Werk über den Wohlstand der Nationen von 1776 als Mittel für ein Wirtschaften, das breiten Wohlstand mehrt.

Wirtschaftswachstum wurde zum Credo nationaler Wirtschaftspolitiken, ohne dass gleichzeitig auf ein Qualitätswachstum der Arbeitsbedingungen oder auch auf geeignete Maßstäbe für Wohlfahrt geachtet wurde. Dass die verwendete Arbeitskraft unabdingbar mit der Person der Arbeitenden verbunden ist, deren Menschenwürde zu schützen ist, wurde erst in historischen Kämpfen für Arbeits- und Sozialschutz zu einer weithin geteilten Einsicht. Mit der Gründung der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) nach dem Ersten Weltkrieg 1919 wurde diese Einsicht institutionalisiert; sie kam allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg - zumindest in den hochindustrialisierten Ländern - in einem breiten wohlfahrtsstaatlichen Konsens zum Tragen.

Nach der beispiellosen Phase einer prosperierenden Wirtschaftsentwicklung in den 1960er und 1970er Jahren wurde jedoch der unterstellte Zusammenhang von nationalem Wirtschaftswachstum und Wohlstand in den früh industrialisierten, westlichen Gesellschaften auf breiter Basis erneut brüchig: Arbeitslosigkeit nahm wieder massiv zu. Die Arbeitsproduktivität wurde durch neue Technologien und Rationalisierung stark erhöht, während von einer allgemeinen Verbesserung und Überwindung entfremdender Arbeitsbedingungen nicht die Rede sein konnte. Unter Frauen, Studierenden und anderen Teilen der Gesellschaft wuchsen emanzipative Bestrebungen gegen überkommene paternalistische und autoritäre Ordnungsvorstellungen. Während der sozial-liberalen Regierung in der Bundesrepublik Deutschland (1969-1982) entstand das Aktionsprogramm zur "Humanisierung des Arbeitslebens" als Teil eines großen gesellschaftspolitischen Reformprogramms, in dem unter anderem das Arbeitsrecht (vor allem mit Blick auf das Betriebsverfassungsgesetz und das neue Arbeitssicherheitsgesetz), aber auch das Ehe- und Familienrecht reformiert wurden. Individuelle Freiheitsrechte und kollektive Mitbestimmungsrechte sollten gestärkt werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Kocka/Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/M. 2000.