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6.4.2011 | Von:
Julia Lepperhoff

Qualität von Arbeit: messen - analysieren - umsetzen

Die Qualität von Arbeit ist durch ihre Vielschichtigkeit und den arbeitsmarktpolitischen Kontext nur schwer messbar. Noch schwieriger ist es aber, sie angesichts des Vorrangs von Beschäftigungswachstum politisch umzusetzen.

Einleitung

"Hauptsache Arbeit!" ist in den Auseinandersetzungen um Erwerbsarbeit ein häufig gehörtes Schlagwort. Seit längerem wird der arbeitspolitische Fokus jedoch auch auf die Qualität von Arbeit gelegt. Aber was verstehen wir eigentlich unter Qualität von Arbeit? Welche Kriterien werden zugrunde gelegt, und wie kann Qualität gemessen werden? Um diese Fragen zu beantworten, ist es hilfreich, die auf europäischer und bundesdeutscher Ebene diskutierten Qualitätskonzepte mit Blick auf ihre Inhalte, die damit verbundene Praxis und ihre Leerstellen zu analysieren. Die Bewertung dieser Qualitätskonzepte geht dabei von folgenden Überlegungen aus:

Erstens ist bei (Mess-)Konzepten zur Qualität von Arbeit zentral, wie Arbeit definiert wird. Zu fragen ist, ob es vorrangig um Erwerbsarbeit und damit um die Qualität bezahlter Arbeit geht. Angesprochen ist das meist unsichtbare Feld von Care-Arbeit, die im weitesten Sinne als menschliche Reproduktionsarbeit des Versorgens, Erziehens und Betreuens definiert werden kann. Diese Sphäre schafft nicht nur die sozialen Voraussetzungen für Produktion und globalisierte Märkte, sondern kann selbst als ein zentrales Feld gesellschaftlicher Produktion betrachtet werden.[1] Dementsprechend muss die Frage beantwortet werden, ob auch unentgeltliche Arbeit konzeptionell integriert wird, und wer bei den in der politischen Öffentlichkeit diskutierten Konzepten zur Qualität von Arbeit überhaupt in die Betrachtung eingeschlossen wird. Stehen erwerbstätige Personen im Zentrum, oder geht es auch um diejenigen, die nicht erwerbstätig sind?

Zweitens ist auch die Erwerbsarbeit differenziert zu betrachten. Eva Senghaas-Knobloch unterscheidet vier Funktionen von Erwerbsarbeit: individuelles Einkommen, psychosoziale Funktion, soziale Absicherung und bürgerschaftliche Integration über Erwerbsarbeit.[2] Zu prüfen ist, ob bzw. inwiefern diese Dimensionen bei der Messung von Qualität in einer hierarchischen Rangfolge stehen. So stellt sich die Frage, ob und wie die psychosoziale Funktion von Erwerbsarbeit und die bürgerschaftliche Integration durch Erwerbsarbeit überhaupt in Überlegungen zur Weiterentwicklung der Qualität von Erwerbsarbeit einfließen. Insbesondere hinsichtlich der gesellschaftlichen Integrationsfunktion bleibt offen, wie diese in (Mess-)Konzepten abgebildet werden kann.

Drittens ist es für die Einschätzung von Qualitätskonzepten von zentraler Bedeutung, ob und wie ungleiche Erwerbschancen und -realitäten erfasst werden. Der Arbeitsmarkt in Deutschland, aber auch innerhalb der Europäischen Union (EU) ist stark segregiert. Neben einer starken Geschlechtersegregation sind die nationalen Arbeitsmärkte auch entlang anderer sozialer Kategorien gespalten. Junge oder ältere Beschäftigte, Menschen mit Behinderung oder Migrantinnen und Migranten haben nicht nur niedrigere Beschäftigungsquoten, sondern arbeiten häufiger in atypischen und vielfach prekären Arbeitsverhältnissen. Geschlechtliche und soziale Ungleichheiten im Erwerbsleben sind aber nicht naturgegeben, sondern das Resultat gesellschaftlicher Machtverhältnisse und stehen in engem Zusammenhang mit der politischen Steuerung der Arbeitsmärkte. Sie haben mithin einen primär sozialstrukturellen Hintergrund. Zu fragen ist daher etwa, ob die aktuellen Politiken und die damit verknüpfte Vorstellung von Qualität der Erwerbsarbeit diese Ungleichheiten aufrechterhalten und womöglich eher verschärfen, oder dazu beitragen können, soziale Exklusion abzubauen.

Viertens muss bei jeder Diskussion über Qualität von Arbeit die Form der Messung reflektiert werden: Wird Qualität als abgeleitete Kategorie (von Quantität) begriffen? Stehen vorrangig strukturelle Dimensionen von Erwerbsarbeit im Mittelpunkt, oder werden jenseits dessen auch subjektive Einschätzungen von Arbeitenden erhoben, die ein elementarer Bestandteil bei der Bewertung der Qualität von Arbeit sind? Nur so können die komplexen Verschiebungen abgebildet werden, die sich durch den Wandel von Arbeit und Arbeitsverhältnissen ergeben. Insgesamt wird deutlich, dass es bei der Diskussion und Messung der Qualität von Arbeit auch um Faktoren geht, die nicht notwendig oder gar ausschließlich mit der unmittelbaren Qualität am Arbeitsplatz zusammenhängen. Vielmehr muss die Perspektive auf Arbeit als Medium gesellschaftlicher Integration sowie die Frage der sozial ungleichen Verteilung, Bewertung und Organisation von Arbeit stärker in den Mittelpunkt rücken. Im Folgenden sollen mit Blick auf diese Aspekte die Debatten zur Qualität von Arbeit in der EU und in Deutschland vorgestellt und analysiert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Ursula Apitzsch/Marianne Schmidbaur, Care und Reproduktion. Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen, Opladen-Farmington Hills 2010, S. 12.
2.
Vgl. Eva Senghaas-Knobloch, Von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft, in: Arbeit, 8 (1999) 2, S. 119ff.