30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

23.3.2011 | Von:
Nimet Şeker

Ist der Islam ein Integrationshindernis? - Essay

Kulturelle Marionetten des "Systems Islam"?

Diesem Mehrheitsdiskurs um "Islam" und "Integration" liegt ein statisches Verständnis von "Kultur" zugrunde: Der Islam wird als eine Kultur verstanden, welche das Leben der Menschen wie ein unveränderliches Korsett präge. Sie habe unabhängig von Zeit und Ort Gültigkeit und richte sich nach der "Scharia", dem "Gesetz Gottes", die sich diametral zu den Normen und Werten der "westlichen Kultur" verhalte. Demnach sind Muslime als kulturelle Marionetten des "Systems Islam" in ihrer individuellen Entscheidungsfindung eingeschränkt. Aufgrund dieser Unveränderlichkeit - häufig wird auf das Fehlen einer "Aufklärung" im Islam hingewiesen - entstünden die Integrationsprobleme von Muslimen in Deutschland. Das zugrunde liegende Islambild wird von Vorstellungen und Erscheinungen eines radikalen Islamismus bestimmt.[3] So bestimmen kulturell verstandene Dichotomien die Debatten: Westen versus Islam, aufgeklärt versus rückständig, demokratisch versus vordemokratisch, modern versus vormodern, säkular versus islamistisch, Menschenrechte versus Gewalt, um nur einige zu nennen.

Zwar gibt es in diesem Diskurs Schwierigkeiten, zu definieren, was "deutsch" beziehungsweise "westlich" ist, und damit zusammenhängend die Frage, was einen integrierten Muslim von einem nichtintegrierten Muslim unterscheidet. Dafür fällt aber die kulturelle Abgrenzung zu Muslimen leichter: Die sichtbare Differenz von Muslimen, am auffälligsten in Kopftüchern und Moscheeminaretten, sind willkommene Folien dafür. Der Diskurs stellt also eine Hierarchisierung von Kulturen her, die wiederum als statische, in sich widerspruchslose, geschlossene Systeme und als "säkular" (Westen) beziehungsweise "religiös" (Islam) determiniert verstanden werden. Religiosität und Areligiosität gelten als konstitutiv für Gesellschaft und Kultur. Außer Acht gerät dabei, dass Kultur ein komplexer Vorgang ist, in dem sich Normen und Werte in einem ständigen Aushandlungsprozess befinden, der zum Wandel derselben führt. Dies gilt insbesondere für Migrantenkulturen. Kultur ist ein dynamischer Prozess, der geprägt ist von Bedeutungswandel, Hybriditäten sowie Überschneidungen mit und Übernahmen von Elementen weiterer Kulturen.

Fußnoten

3.
Vgl. zur Radikalisierung von europäischen Muslimen die Beiträge von Matenia Sirseloudi, Syed Mansoob Murshed und Sara Pavan in: APuZ Extremismus, (2010) 44.