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23.3.2011 | Von:
Nimet Şeker

Ist der Islam ein Integrationshindernis? - Essay

Gewalt "im Namen des Islams"

Ausgelöst von medialen Bildern gewalttätiger Ereignisse im Namen des Islams, hat sich in den ineinander fließenden öffentlichen Debatten um Integration und Islamkritik die Vorstellung vom Islam als einer zur Gewalt aufrufenden Religion verfestigt. Eng damit verwoben ist die Assoziation von Islam und Zwang: "Zwangsheirat", Zwang im Glauben und Zwang in der Glaubenspraxis gehören hier zu den Assoziationsfeldern. Im deutschen Kontext häuft sich der Verweis auf Gewaltdelikte gegenüber Frauen, man spricht von "Ehrenmorden". Unabhängig von einem hypothetischen Gewaltpotenzial des Islams - Stichwort Dschihad oder koranisches Strafrecht - und der tatsächlichen Gewalttätigkeit von Muslimen, werden in der Debatte diesbezüglich theologische, islamrechtliche und soziologische Fragen vermischt. Denn bei genauerem Hinsehen lassen sich weder Ehrenmorde noch Genitalverstümmelung noch häusliche Gewalt islamisch legitimieren.[9]

Eine Repräsentativuntersuchung zur Gewalterfahrung von Frauen innerhalb und außerhalb von Familien- und Paarbeziehungen in Deutschland weist zwar eine höhere Gewalterfahrung bei türkeistämmigen Frauen auf, zeigt aber deutlich, dass diese beispielsweise in osteuropäischen Paarbeziehungen ebenfalls hoch ist.[10] Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist: Türkeistämmige Frauen sind nicht häufiger Gewalt ausgesetzt, weil Türkeistämmige mehrheitlich Muslime sind, sondern weil die betroffenen Frauen sich aufgrund ihrer sozialen Situation, fehlenden Sprachkenntnisse, mangelnden Bildung und ökonomischen Abhängigkeit schwieriger vom Partner lösen können. Auch migrationsbedingte Ursachen wie verunsicherte Männlichkeitsbilder aufgrund veränderter Geschlechterbeziehungen spielen dabei eine Rolle.

Wie kommen "Ehrenmorde" dann zustande? Werden die Frauen getötet, weil sie ein "unislamisches" Leben geführt haben? Der Ehrbegriff ist in unterschiedlichen Variationen im gesamten ländlichen Mittelmeerraum von Marokko über Spanien, Süditalien, Griechenland bis zum Nahen Osten verbreitet und kein Spezifikum muslimischer Gesellschaften. So spielt Ehre auch in Mafia- und Camorra-Kreisen eine Rolle. In der Migration wird der Ehrbegriff - oder vielmehr werden die Ehrbegriffe - neu verhandelt. Es kommt zu einem komplexen "Ineinander und Gegeneinander von wertetransformierenden und wertestabilisierenden Prozessen" (Werner Schiffauer). Dies führt dazu, dass das Motiv "Ehre" in jedem einzelnen "Ehrenmordfall" mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt wird - es gibt also keinen Konsens darüber, was "Ehre" bedeutet. Häufig dient sie als Legitimationsgrundlage für individuelles Fehlverhalten.[11] "Ehrenmorde" sind demnach keine Strafen, die aus einem parallelen "islamischen" Rechtssystem mit eigener Rechtsprechung resultieren. Auf die Scharia als normative Instanz im Islam können sich "Ehrenmörder" nicht berufen.

Kürzlich wurde der Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltbereitschaft wissenschaftlich untersucht.[12] Eine Kausalität zwischen beiden Phänomenen konnte nicht nachgewiesen werden. Vielmehr seien es vielfältige Faktoren wie ein kriminelles Umfeld und Gewalterfahrungen in der Kindheit die jugendliche Gewalttätigkeit in Migrantenmilieus fördern. Dagegen steht der Befund, dass die Gewalt bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien zunimmt, je länger sie in Deutschland leben. Die zunehmende Gewalt entsteht also erst im deutschen Umfeld und weniger in den Herkunftsländern.[13]

Fußnoten

9.
Vgl. ebd., S. 69, S. 342f.
10.
Vgl. Monika Schröttle, Gewalt gegen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland, in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamfeindlichkeit, Wiesbaden 2009, S. 269-287.
11.
Vgl. Ahmet Toprak, Integrationsunwillige Muslime? Ein Milieubericht, Freiburg 2010, S. 37-59; Werner Schiffauer, Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft?, Bielefeld 2008, S. 21-48.
12.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Gewaltphänomene bei männlichen, muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Präventionsstrategien, Berlin 2010; ders., Jugendliche Migranten - muslimische Jugendliche. Gewalttätigkeit und geschlechterspezifische Einstellungsmuster, Berlin 2010; Christian Pfeiffer et al., Kinder und Jugendliche in Deutschland. Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum, Hannover 2010, S. 416f.
13.
Vgl. Landeskommission Berlin gegen Gewalt (Hrsg.), Gewalt von Jungen, männlichen Jugendlichen und jungen Männern mit Migrationshintergrund, Berlin 2007.