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23.3.2011 | Von:
Nimet Şeker

Ist der Islam ein Integrationshindernis? - Essay

Häufigkeit und Bedeutungen des Kopftuchs

Dabei wurde die Frage nach der individuellen Motivation der Kopftuchträgerinnen in Deutschland schon mehrfach wissenschaftlich bearbeitet. Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge herausgegebene Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" liefert empirische Daten über die Verbreitung des Kopftuchs unter Musliminnen: 28 Prozent der Musliminnen tragen ein Kopftuch, die deutliche Mehrheit, nämlich 72 Prozent, dagegen keins. Bei den Kopftuchträgerinnen beträgt der Anteil von Mädchen unter 10 Jahren 2,5 Prozent; nur eine geringe Minderheit von Grundschülerinnen trägt es demnach, im Gegensatz zu 50 Prozent der über 66-Jährigen.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass in der zweiten Generation die Häufigkeit des Kopftuchtragens signifikant abnimmt: "Die Unterschiede sind offenbar darauf zurückzuführen, dass die in Deutschland geborenen Frauen deutlich seltener regelmäßig ein Kopftuch tragen."[20] Auch die weit verbreitete These, dass ausschließlich religiöse Frauen ein Kopftuch tragen, wird entkräftet: "Dennoch zeigen die Befunde, dass starke Gläubigkeit nicht zwangsläufig mit dem Tragen eines Kopftuchs einhergeht. So verlässt immerhin jede zweite stark gläubige Muslimin unbedeckt das Haus."[21] Hinzu kommt die Erkenntnis, dass Kopftuchträgerinnen sich zu 63,6 Prozent "stark oder sehr stark" mit Deutschland verbunden fühlen und einen Bildungsaufstieg innerhalb der Generationen verzeichnen, vor allem wenn sie Bildungsinländerinnen sind. Auch die Freundschaftskontakte zur Mehrheitsgesellschaft sind in dieser Gruppe häufig.[22] Demnach fällt es schwer, in dieser Gruppe eine Distanz zur deutschen Mehrheitsgesellschaft oder gar eine Integrationsverweigerung auszumachen.

Ähnlich brüchig ist die "Beweisführung" mit Blick auf die simplifizierende Gleichsetzung des Kopftuchs mit patriarchalen und tradierten Geschlechterrollen. Jüngste Studien zeigen, dass auch areligiöse türkische und arabische Familien wie auch beispielsweise alevitische, als liberal geltende Muslime, für die das Kopftuch gerade keine Rolle spielt, an traditionellen Geschlechterrollen festhalten. Ein Zusammenhang von Religiosität und traditionellen Geschlechterrollen scheint damit fraglich.[23] Die häufig formulierte Forderung, Musliminnen sollten ihr Kopftuch ablegen und sich damit von patriarchalischen Geschlechterrollen befreien, dürfte daher zu kurz gegriffen sein.

Indes findet unter der jungen Generation von Kopftuchträgerinnen und feministisch-islamischen Kritikerinnen bereits ein Kampf gegen patriarchalische Strukturen mithilfe von Koran und Prophetentradition statt.[24] Dazu gehört die Kritik an frauenfeindlichen Auslegungen des Koran und die Dekonstruktion patriarchalischer Traditionen in der islamischen Rechtsauslegung. Vor diesem Hintergrund kann die Kleidung den jungen Musliminnen eine gewisse Unabhängigkeit vom tradierten Geschlechterverhältnis verleihen und zur Abwehr von Anforderungen an ihre weibliche Rolle dienen: die Kleidung als Merkmal des reflektierten, aufgeklärten und individualisierten statt eines von den "Gastarbeiter-Eltern" übernommenen Islams. Das Tragen des Kopftuchs kann eine bewusst getroffene spirituelle Entscheidung zu einem religiösen Gebot sein, es kann für eine religiös-feministisch inspirierte Kritik an der Sexualisierung des weiblichen Körpers stehen oder auch für ein positiv besetztes Bekenntnis zur Tradition.[25] Für viele junge Musliminnen dient die bewusste öffentliche Differenzmarkierung als weibliche, religiöse Minderheit auch zur Konstruktion einer positiv besetzten Identität, weil sie immer wieder Erfahrungen von Exklusion machen, selbst wenn sie sich in ihrem Selbstbild als vollständig "integrierte" Person betrachten.

Fußnoten

20.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009, S. 200.
21.
Ebd., S. 201.
22.
Vgl. ebd., S. 202f.
23.
Vgl. A. Toprak (Anm. 11), S. 26-29; Ministerium für Arbeit, Integration und soziales des Landes NRW (Hrsg.), Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2010, S. 98f.
24.
Vgl. Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung (Hrsg.), Ein einziges Wort und seine große Wirkung, Köln 2005; Schirin Amir-Moazami, Politisierte Religion. Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich, Bielefeld 2007, S. 212-224.
25.
Vgl. H. Oestreich (Anm. 14), S. 140-155.