APUZ Dossier Bild

14.3.2011 | Von:
Andreas Liening

E-Learning in der ökonomischen Bildung

Der Aufsatz beschreibt die Notwendigkeit Neuer Medien zur Unterstützung moderner Lehr-/Lernkonzepte. Des Weiteren werden E-Learning-Konzepte vorgestellt und deren Einsatzmöglichkeiten in der ökonomischen Bildung diskutiert.

Einleitung

Ökonomische Bildung ist der Horizont, vor dem die Wirtschaftsdidaktik als wissenschaftliche Teildisziplin agiert. Diese beschäftigt sich mit den vier Bereichen "Ziele", "Inhalte", "Methoden" und "Medien". Ökonomische Bildung ist dabei im Kontext des immer wieder zu Recht geforderten lebenslangen Lernens zu sehen, wobei ihr insbesondere an allgemeinbildenden Schulen eine zentrale Rolle zukommt. Gleichwohl muss konstatiert werden, dass das dafür notwendige Unterrichtsfach leider noch in keinem Bundesland Realität geworden ist. Kontraproduktiv sind dabei die Debatten jener, die ökonomische Bildung ohne Ökonomik und/oder ohne ein Schulfach Wirtschaft sehen wollen.[1]

Nicht nur Wissenschaftler, Politiker und Verbände, sondern auch Schulen haben längst erkannt, wie wichtig fundierte ökonomische Bildung für junge Menschen ist. Als Beispiel kann der Modellversuch des Faches Wirtschaft an Realschulen in Nordrhein-Westfalen angesehen werden, in dem zunächst von "nur" 30 Modellschulen ausgegangen wurde; aufgrund der großen Nachfrage nehmen seit 2010 über 70 Schulen daran teil. Ziel ökonomischer Bildung ist es, fachliche, personale und soziale Kompetenzen im Bereich der Wirtschaft zu erlangen, die jungen Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Leben in der Wirtschaft verantwortungsvoll zu gestalten, Verantwortung für andere zu übernehmen und mit Hilfe ökonomischer Denkweisen und Methoden einen weiteren Zugang zum Verständnis und zur Gestaltung unserer Welt zu erlangen. Neben einer volkswirtschaftlichen spielt zunehmend die betriebswirtschaftliche Perspektive eine wichtige Rolle, in der Schülerinnen und Schüler ein aufgeklärtes, unternehmerisches Denken und Handeln praxisnah und wissenschaftlich fundiert erarbeiten können, um in der Rolle des Verbrauchers, des Arbeitnehmers oder des Arbeitgebers ihr Leben selbstbestimmt gestalten können.

Kein geringerer als einer der Begründer des modernen Liberalismus, John Locke, bemerkte: "Nihil est in intellectu, quod non fuerit prius in sensu."[2] Auch wenn man sich dem radikalen Empirismus Lockes nicht unbedingt anschließen muss, so motiviert doch die These, dass nichts im Verstand sei, was nicht zuvor auch in den Sinnen war, wirtschaftsdidaktische Fragestellungen, die heute im Zusammenhang mit dem Einsatz von E-Learning für die Ausgestaltung von Lernprozessen in der Schule gesehen werden können. Gemeint sind Fragestellungen, die handlungsorientiertes, erfahrungsanaloges, genetisches oder kooperatives Lernen thematisieren und die Suche nach Alternativen zu traditionellen Vermittlungsmustern beschreiben. Als Kernproblem wird immer wieder ein deutlicher Verlust an Realitäts- und Praxisbezug sowie eine einseitige Ausrichtung an wirtschaftstheoretischen Erkenntnissen diagnostiziert. Häufig wird immer noch der traditionelle Frontalunterricht, der lerntheoretisch begründete und auf eine reine Wissensvermittlung abzielende Unterricht, jenem entgegengesetzt, der Schülerinnen und Schüler zu einer aktiven und partizipativen Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen motiviert. Einen medialen und demzufolge auch methodischen Bestandteil eines dem traditionellen Frontalunterricht entgegengestellten Wirtschaftsunterrichts kann das E-Learning darstellen.

Die Folgen traditionellen Unterrichts sind bekannt: Sie reichen von Disziplinkonflikten über das so genannte Abschalten im Unterricht bis hin zum Versagen bei Prüfungen. Die Ergebnisse der PISA-Studien belegen die Konsequenzen einer verkopften Schule, die gleichsam der Analogie zum Nürnberger Trichter die Schülerinnen und Schüler mit Wissen füttert, wobei der Wechsel zur "Kompetenzorientierung" oder das in einigen Bundesländern eingeführte Zentralabitur die Situation nicht unbedingt verbessert haben. Im Gegenteil: Vielfach haben diese Vorhaben dazu geführt, dass dezidierte inhaltliche Vorgaben darüber erfolgen, was wann zu unterrichten sei; die Lehrkräfte, ursprünglich Didaktiker im besten Sinne des Wortes, werden auf die demotivierende Rolle der reinen Methodiker reduziert. Lehrende werden heute mit einer neuen Vielfalt der Lehr- und Lernformen konfrontiert. Stichworte wie Binnendifferenzierung, Handlungs- und Produktionsorientierung, individuelle Förderung, Heterogenität, ferner Wochenpläne, Kurssysteme und Lernmodule zeigen, dass die Ansprüche an das Unterrichten, wie sie in der Referendariatsausbildung eingefordert werden, gestiegen sind, ohne dass der traditionelle Frontalunterricht im Schulalltag seine Dominanz eingebüßt hat.

Neben dieser Vielfalt der Lehransprüche gibt es eine neue Vielfalt der Lernorte. So findet Lernen in der Schule nicht mehr nur im Klassenzimmer statt. Die virtuelle Welt des Internets, die praktische Übung im Labor, die Durchführung von Praktika in Unternehmen und Exkursionen sind nur wenige Beispiele. Darüber hinaus ändern sich auch die Lehrinhalte. Die immer rasanteren Entwicklungen, die insbesondere durch die Neuen Medien forciert werden, verändern die Arbeits- und Berufswelt sowie die Freizeit, nahezu die gesamte Lebenswelt. Je mehr Wissen lediglich zeitoptimiert durch drill and practise vermittelt wird, desto geringer wird die Chance einer gelingenden Bildung, da das selbständige, je eigene Einsehen, Bewerten und Einordnen zu kurz kommt. Eine mechanistische Denkweise, den Mensch als informationsverarbeitende Maschine zu sehen, wie dies in so manchen didaktischen Theorien zum Ausdruck kommt, fördert allenfalls Informationsstress und verhindert Lernerfolge als Voraussetzung für Bildung. Die Fakten-Pauk-Schule ist tot.

Hölderlin sagt: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch". Und so beschwören die Neuen Medien nicht nur eine Vielzahl der Probleme in der Schule herauf, indem sie den permanenten Wandel in der Berufs- und Arbeitswelt und die Informationsflut forcieren, sie bieten auch die Möglichkeit, den Problemen auf innovative Art und Weise zu begegnen. Zum einen bietet ihr Einsatz zahlreiche Möglichkeiten der multimedialen und interaktiven Darbietung von Lerninhalten, zum anderen kann E-Learning durch die Entkopplung der Lernprozesse von Raum und Zeit zu ganz neuen Lehr- und Lernorganisationen führen, die sowohl asynchrone als auch synchrone Lehr-Lern-Szenarien enthalten können.

Wenn man sich darauf verständigt, dass nicht die traditionelle Vermittlung von Wissen, sondern der bildende Unterricht im Zentrum des Schulunterrichts stehen soll, so zeigt Hilbert Meyer mit seinem Plädoyer für eine "Didaktik der Vielfalt" eine mögliche Lösung auf.[3] Er fordert eine Didaktik, die einerseits Bewährtes erhält, andererseits aber Neues erprobt, die einerseits die Leistungsstarken fördert, andererseits aber den Leistungsschwächeren Halt gibt. Vor diesem Hintergrund soll hier die Integration des E-Learnings in die ökonomische Bildung thematisiert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. zum Beispiel Reinhold Hedtke, Wirtschaft in der Schule?! Ökonomische Bildung als politisches Projekt, online: www.gew-hb.de/Binaries/Binary11502/
hedtke_politisches_Projekt.pdf (22.2.2011); ders., Leserbrief: Diskussion um neues Schulfach. Der lange Arm der Wirtschaft, online: www.sueddeutsche.de/service/diskussion-um-neues-schulfach-der-lange-arm-der-wirtschaft-1.28829 (22.2.2011), darin der Satz: "Mehr Wissen über Wirtschaft heißt weniger Wissen über Demokratie."
2.
John Locke, An Essay concerning Humane Understanding, London 1690; e-text ILT.
3.
Vgl. Hilbert Meyer, Zehn Merkmale guten Unterrichts, in: Pädagogik, (2003) 10, S. 36-43.