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2.3.2011 | Von:
Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels

Demografie und Erwerbstätigkeit

Abbildung 1 (sh. PDF-Version) zeigt die Grundstrukturen des demografischen Wandels in Deutschland, aufbauend auf den Daten des Statistischen Bundesamtes und der sogenannten Rürup-Kommission.[2] Dargestellt sind vier Bevölkerungspyramiden: Rechts ist jeweils die Anzahl der Frauen, links die Anzahl der Männer, ansteigend vom Alter 0 bis 100 Jahre. Das Jahr 1965 (oben links) ist der Höhepunkt des Babybooms. Abgesehen von den Einschnitten der Weltkriege und Wirtschaftskrisen ist durchaus eine "Alterspyramide" zu erkennen. Heute hat sich dies grundlegend geändert (oben rechts: Jahr 2010). Drei Entwicklungen haben dazu geführt: die steigende Lebenserwartung, der auf den Babyboom folgende, sogenannte Pillenknick und die anhaltend niedrige Geburtenrate. Die Fortsetzung dieser drei Entwicklungen bewirkt zusammen den demografischen Wandel.

Erstens hat sich der Altersaufbau 2010 im Unterschied zu 1965 gestreckt: weit mehr Personen erreichen heute das Alter von 100 Jahren. Die Streckung der Pyramide repräsentiert die bislang ungebrochene Erhöhung der Lebenserwartung, die nach wie vor etwa linear ansteigt: Pro zehn Jahre erhöht sich die Lebenserwartung um 1,5 Jahre (die vorsichtige Prognose des Statistischen Bundesamtes) bis 3,5 Jahre (die sehr optimistische Prognose des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock).[3] Ebenso sieht man den starken Einbruch der Kinderzahlen im Pillenknick, der auf die Babyboomjahre folgte.

Im Jahr 2010 sind die Babyboomer etwa Mitte vierzig. Die rasche Abfolge von Pillenknick auf Babyboom ist die zweite große Komponente des demografischen Wandels, die historisch gegeben ist, an der wir nichts mehr ändern können, und die in etwa 15 Jahren ganz dramatisch die sozialpolitische und ökonomische Lage Deutschlands bestimmen wird. Dies sieht man auf der Bevölkerungspyramide des Jahres 2025 (links unten). Im Vergleich zum Jahr 2010 hat sich die Abfolge von Pillenknick auf Babyboom um 15 Jahre vorgearbeitet, nun sind die Babyboomer etwa 60 Jahre alt und beginnen, in Rente zu gehen.

Weitere 25 Jahre später (rechts unten: Jahr 2050) sind die Babyboomer schon recht alt, die meisten von ihnen sind verstorben. Die erwartete Altersstruktur im Jahre 2050 zeigt, dass uns der demografische Wandel langfristig beschäftigen wird. Solange die Geburtenraten so niedrig bleiben wie sie sind - dies ist die dritte, langfristig besonders wichtige Komponente des demografischen Wandels - wird die Bevölkerungsstruktur nie wieder die Form der eingezeichneten Pyramide erreichen, sondern wird einen Kopf haben, der größer als die Basis ist. Von Generation zu Generation wird uns etwa ein Drittel der Bevölkerung fehlen. Dies liegt daran, dass die Geburtenrate von derzeit 1,4 Kindern pro Frau nur zwei Dritteln der Geburtenrate entspricht, die für eine Bestandserhaltung nötig ist (Dies sind etwa 2,1 Kinder pro Frau: Sie muss sich und ihren Mann ersetzen unter Einbeziehung der zum Glück in Deutschland sehr niedrigen Kinder- und Jugendsterblichkeit).

Für die wirtschaftliche Entwicklung ist weniger die Altersschichtung grundlegend als die Aufteilung in Menschen, die zur Wirtschaft und den sozialen Sicherungssystemen direkt oder indirekt finanziell beitragen, und Menschen, die von ihnen alimentiert werden - sei es, weil sie sich noch in der Ausbildung befinden oder sei es, weil sie sich nach dem Erwerbsleben im verdienten Ruhestand befinden. Altersschichtung und Erwerbsphase hängen zwar eng zusammen, aber hier gibt es viele Spielräume: Wenn wir uns zum Beispiel mit Dänemark vergleichen, kommen dort die jungen Menschen etwa zwei Jahre früher in ihren Beruf; es arbeiten deutlich mehr dänische Frauen als bei uns, vor allem nach der Kindererziehungsphase; schließlich gehen die Dänen über zwei Jahre später in die Rente als die Deutschen. Bei ähnlicher Altersschichtung gibt es in Dänemark also deutlich mehr Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung als bei uns.

Die Kenngröße Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung ist zentral für die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels; sie ist aber auch eine der wichtigsten Schlüsselgrößen für Lösungsansätze, die aus dem Bedrohungspotenzial des demografischen Wandels eine Chance machen können. Sie ist nicht einfach zu prognostizieren, da sie von vielen Annahmen wie Länge von Schulzeit und Studium, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und von dem Verhalten der Arbeitnehmer und -geber beim Renteneintritt abhängt.

Abbildung 2 (sh. PDF-Version) zeigt zwei mögliche Verläufe, basierend auf einer Erwerbsprognose des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und Demografischer Wandel.[4] Ihr liegen zwei sehr verschiedene Annahmen zugrunde. Ein erstes Szenario ("Status quo") basiert auf der Annahme, dass die Erwerbstätigkeit nach Alter und Geschlecht, wie sie derzeit in Deutschland vorherrscht, auch in Zukunft so bleibt. Wir passen uns also zum Beispiel mit dem Rentenalter nicht dem demografischen Wandel an, sondern bleiben so, wie wir es derzeit gewohnt sind. Dem zweiten Szenario ("Dänemark") liegt stattdessen zugrunde, dass wir Deutschen in einem Anpassungsprozess das oben beschriebene Erwerbsverhalten der Dänen übernehmen. Die höhere dänische Erwerbsbeteiligung ist nicht vom Himmel gefallen oder Ausdruck einer etwaigen traditionellen dänischen Lust am Arbeiten, sondern war Resultat eines etwa zehn Jahre langen Arbeitsmarktreformprozesses in den 1990er Jahren.

Die beiden Verläufe sind höchst unterschiedlich. Unter den heutigen Erwerbsquoten sinkt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland rapide und beträchtlich: 2030 wird es etwa 17 Prozent weniger Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung geben, im Jahr 2050 sogar 23 Prozent. Erhöhen wir in den nächsten zehn Jahren unsere Erwerbstätigkeit auf das dänische Niveau, bleibt die Zahl der Erwerbstätigen pro Kopf der Bevölkerung in etwa gleich und sinkt danach bis zum Jahr 2030 lediglich um etwa vier Prozent, bis 2050 um etwa sechs Prozent ab. Die Demografie selbst ist also nicht unser Schicksal, sondern entscheidend ist, ob wir es schaffen, uns durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung an den demografischen Wandel anzupassen. Abbildung 2 zeigt, dass dies keineswegs unmöglich ist, wenn es unsere Nachbarn, die Dänen, die viel Freizeit und ein enges soziales Netz haben, bereits geschafft haben.

Fußnoten

2.
Die Kommission wurde 2002 von der Bundesregierung eingesetzt, um Vorschläge zu erarbeiten, wie die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme langfristig gesichert werden kann. Vgl. Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme, Abschlussbericht, Berlin 2003.
3.
Vgl. Jim Oeppen/James W. Vaupel, Enhanced: Broken Limits to Life Expectancy, in: Science, 296 (2002), S. 1029ff.
4.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Christina B. Wilke, Zur mittel- und langfristigen Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, in: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung, (2009) 1, S. 29-48.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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