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2.3.2011 | Von:
Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels

Ökonomische Auswirkungen

Der demografische Wandel bedeutet in der mittleren Frist, also etwa in 15 Jahren (Abbildung 1, links unten), dass wir viele Rentner haben werden, aber wenige Beitragszahler in die Rentenversicherung. Entsprechend wird es aber auch viele Personen geben, die Leistungen aus der gesetzlichen Krankenkasse benötigen, aber nur wenige, die Beiträge in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen. Tatsächlich sind alle unsere sozialen Sicherungssysteme bedroht, wenn es weniger Erwerbstätige und somit weniger Beitragszahler für die beitragsfinanzierten Sozialversicherungen geben wird.

Die Alterung bedeutet aber auch fundamentale Veränderungen für die makroökonomische Entwicklung. Denn in den nächsten 20 Jahren wird sich die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik kaum ändern, sie schrumpft erst nach dem Ableben der Babyboom-Generation. Es wird also weiterhin viele Konsumenten geben in Deutschland, aber, wenn das Status-quo-Szenario der Abbildung 2 eintrifft, deutlich weniger Erwerbstätige, welche die Güter und Dienstleistungen produzieren, die diese Menschen konsumieren wollen.

Weniger Erwerbstätige, also Produzenten von Gütern und Dienstleistungen, heißt notwendigerweise, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP), nachdem wir zumindest annähernd unseren Wohlstand messen, sinken wird. Der ökonomische Lebensstandard, definiert als BIP pro Kopf der Bevölkerung, wird erzeugt als Produkt der in die Volkswirtschaft investierten Ressourcen (vor allem die Anzahl der Arbeitsstunden, aber auch des Realkapitals, also Maschinen und Ausrüstungen) multipliziert mit der Produktivität, mit der Arbeit und Maschinen eingesetzt werden. Die zukünftige Entwicklung des BIPs pro Kopf wird daher aus drei Komponenten errechnet: der zukünftigen Entwicklung der Produktivität, der Wachstumsrate der Erwerbsquote und der Wachstumsrate des Realkapitals, das pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung aufgewendet wird.

Hier gibt es zunächst nur schlechte Nachrichten. Erstens gehen viele vom Status-quo-Szenario der Abbildung 2 aus und erwarten nicht, dass die Erwerbsquote deutlich steigen könnte. Zweitens wird vielfach behauptet, dass ältere Menschen weniger produktiv sind als jüngere. Sollte diese Behauptung stimmen, würde eine Alterung der Bevölkerung, die auch immer eine Alterung der Belegschaft impliziert, einen Rückgang der Produktivität zur Folge haben. Drittens hat eine ältere Bevölkerung eher die Tendenz dazu, Vermögenswerte abzubauen, statt neue anzusammeln. Dies gilt natürlich auch für die Sparguthaben, mit denen Investitionen finanziert werden. Ein Wachstum des Produktivkapitals pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung ist daher in einer alternden Bevölkerung schwieriger zu finanzieren.

Zudem wird sich auch auf den Immobilien- und Kapitalmärkten eine wesentliche Strukturveränderung ergeben, wenn die Babyboom-Generation ihr angespartes Vermögen und viele ihrer erworbenen Häuser verkaufen möchte. Denn dann gibt es viele Verkäufer von Vermögensgegenständen, aber relativ wenige Käufer aus der jungen Generation. Einige sehen hier die nächste große Finanzkrise mit einem Abschmelzen der Vermögenswerte.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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