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2.3.2011 | Von:
Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels

Lösungsansätze

Dass es nicht so kommen muss, zeigt das optimistische Szenario in Abbildung 2. Die Lösungsansätze liegen im Prinzip auf der Hand: eine höhere Erwerbstätigkeit, mehr Aus- und Weiterbildung und ein Abpuffern der stärksten Belastung durch eine echte "Nachhaltigkeitsreserve".

Erstens bedarf es großer Anstrengungen, damit die im internationalen Vergleich niedrige deutsche Erwerbsquote trotz des demografischen Wandels ansteigt, indem jüngere Menschen früher in den Beruf eintreten, mehr Frauen Familie und Beruf miteinander vereinbaren können und die Menschen nicht schon mit Anfang 60 in den Ruhestand geschickt werden. Das Beispiel der Dänen zeigt, dass dies machbar ist. Gesundheitlich geht es uns Deutschen sogar besser als den Dänen, so dass einer Anpassung der Lebensarbeitszeit an die verlängerte Lebenszeit eigentlich nichts im Wege steht. Zudem hilft uns die Entwicklung der Lebenserwartung und unserer Gesundheit dabei. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen wird sich bis 2029, wenn die Rente mit 67 voll eingeführt sein wird, um drei Jahre erhöhen, die Arbeitsphase jedoch nur um zwei: Die Rente mit 67 bedeutet also einen um ein Jahr längeren Rentenbezug und keine Rentenkürzung.

Nun könnte man meinen, dass diese gewonnenen Jahre ganz oder zu einem Großteil mit großen gesundheitlichen Einschränkungen verbracht werden. Dies ist falsch, alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das Gegenteil der Fall sein wird: Die Anzahl der Jahre, in der die Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen leben, bleibt nicht nur anteilsmäßig gleich, sondern sie steigt noch schneller an als die Lebenserwartung. Die Zeit im Alter, vor der wir uns fürchten, verschwindet nicht, leider, aber sie wird kürzer, obwohl wir länger leben.[5] Dies liegt nicht daran, dass die typischen Alterskrankheiten später auftreten, denn die Biologie des Menschen ändert sich nur langsam. Die behindernden Auswirkungen der typischen Alterskrankheiten kommen jedoch erst später zum Tragen, weil moderne Medizin und Technik uns das Leben mit diesen Krankheiten deutlich erleichtern. Eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit insbesondere der über 55-Jährigen ist politisch kontrovers, weil er Besitzstände angreift, aber volkswirtschaftlich unumstritten.

Zweitens ist es keineswegs erwiesen, dass die Produktivität älterer Menschen sinkt. Eher scheinen sich Erfahrung und körperliche Leistungsfähigkeit zu ergänzen: Während erstere steigt, sinkt letztere, und die Summe bleibt konstant über alle Altersklassen.[6] In Zukunft ist es aber wichtig, dass eine älter werdende Belegschaft durch vermehrte Aus- und Weiterbildungsanstrengungen neue Techniken erlernen und flexibel bleiben kann. Auch hier können die skandinavischen Länder als Vorbild dienen, in denen Menschen über vierzig weit mehr weitergebildet werden als in Deutschland. Eine Verbesserung der Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind politisch unkontrovers und eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit, sind aber bislang Lippenbekenntnisse geblieben, weil Arbeitgeber, Arbeitnehmer und der Staat sich um die Finanzierung streiten.

Drittens ist es sinnvoll, wenn durch teilweise kapitalgedeckte soziale Sicherungssysteme (Rente, Krankenversicherung, Pflegeversicherung) ein Kapitalstock angesammelt wird, der uns über die Dauer seiner Akkumulation hilft, zusätzliches Produktivkapital zu schaffen, und gleichzeitig die jüngere Generation von zukünftigen Sozialabgaben entlastet. Ein höherer Bestand an produktivem Kapital in den Sozialversicherungssystemen hilft, die Spitzenbelastung der jungen Generation durch hohe Beitragssätze abzumildern, die in den Jahren 2020 bis 2035 entsteht. Abbildung 1 (links unten) zeigt, wie für etwa 15 Jahre eine Spitzenlast an Renten- und sonstigen Sozialversicherungsleistungen für Ältere von den Jüngeren getragen werden muss.

Dieser dritte Punkt ist sehr kontrovers. Vor allem mag uns die jüngste Finanzkrise skeptischer gemacht haben - tatsächlich aber ist das Altersvorsorgevermögen (etwa der Riesterrenten) von der Finanzkrise praktisch unberührt geblieben, weil es sicher und nicht spekulativ angelegt war. Sogar die Ansprüche auf die gesetzliche Rente waren stärker von der Krise betroffen als die Ansprüche auf Auszahlungen aus Riestervermögen.[7] Und ein dramatisches Abschmelzen der Vermögenswerte, wenn die Babyboom-Generation in Rente geht, lässt sich ebenfalls ausschließen.[8]

Fußnoten

5.
Vgl. James A. Fries, Measuring and Monitoring Success in Compressing Morbidity, in: Annals of Internal Medicine, 139 (2003), S. 455-459.
6.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Ismail Düzgün/Matthias Weiss, Age and Productivity in Work Teams: Evidence from an Assembly Line, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Demographie e.V., (2006) 9, S. 9.
7.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Martin Gasche/Michael Ziegelmeyer, Auswirkungen der Finanzkrise auf die private Altersvorsorge, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, (2010) 4, S. 383-406.
8.
Vgl. James M. Poterba, Demographic Structure and Assets Returns, in: Review of Economics and Statistics, (2001) 4, S. 565-584.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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