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21.2.2011 | Von:
Ferhad Ibrahim

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Ethnische und religiöse Heterogenität

Zweifelsohne haben die Minderheiten im Irak nach dem Sturz des Baath-Systems zum ersten Mal seit der Gründung des Staates im Jahr 1921 politische Anerkennung erfahren. Die politischen Freiheiten, die Hervorhebung ihrer besonderen Identität und die Partizipation im politischen System sind sichtbare Elemente des Systemwechsels im Irak. Doch schon bei der Frage, um welche ethnischen und religiösen Gruppen es sich hierbei handelt, wird es schwierig, da die Gruppenidentitäten noch nicht definiert beziehungsweise nach wie vor im Aushandeln begriffen sind. Abgesehen von den Arabern, Kurden und Turkmenen scheint es, dass die Frage nach der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit die verschiedenen Minderheiten eher spaltet als vereint.

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind mit Minderheiten die Yeziden, die Christen und die heterodoxen islamischen Gruppen (Schabak, Kakaiya und Mandäer) gemeint. Es liegen zwar keine präzisen Angaben über die Größe der ethnisch-religiösen Gruppen vor - da in der Vergangenheit bei den Volkszählungen im Irak ethnische und konfessionelle Kriterien nicht berücksichtigt wurden; das Baath-Regime versuchte in den 1970er Jahren gewaltsam, eine sprachliche und kulturelle Arabisierung durchzusetzen. Aber man kann davon ausgehen, dass die Anzahl der Schabak, Kakaiya und Mandäer jeweils unter 100.000 liegt. Die Zahl der yezidischen Bürgerinnen und Bürger lag vor der großen Auswanderungswelle in den 1990er Jahren bei etwa 700.000. Die Christen waren die größte nichtmuslimische Gruppe, und ihre Zahl dürfte vor der großen Auswanderungswelle in den 1990er Jahren faste eine Million betragen haben.

Was das soziale Leben betraf, unterschied sich der Irak kaum von anderen Staaten in der Region: Die soziale Kommunikation fand vor allem innerhalb der eigenen ethnischen oder religiösen Bezugsgruppe statt. Doch ist es in der 90-jährigen Geschichte des modernen Irak nie zu Konflikten zwischen den religiösen Minderheiten gekommen - was auch damit zusammenhängt, dass gerade kleinere Minderheiten sich nicht allein auf ihre religiöse und/oder ethnische Identität festlegen wollen. Ein Beispiel sind die Yeziden: Unter ihnen konkurrieren die Anhänger der kurdischen Identität mit den Protagonisten einer genuin yezidisch-nationalistischen Identität. Bei den Christen wiederum konkurrieren die Anhänger eines assyrischen Nationalismus mit dem Klerus, der einen Machtverlust befürchtet, wenn sich bei den Christen die Nationsidee durchsetzen sollte.