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21.2.2011 | Von:
Ferhad Ibrahim

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Turkmenen

Es gibt keine gesicherten Angaben über die Anzahl der Turkmenen. Einige Schätzungen gehen von fünf Prozent der irakischen Bevölkerung aus. Die Irak Türkmen Cephesi (Irakische Turkmenische Front) geht bei ihren Berechnungen für das Jahr 1994 von 1.750.000 Turkmenen aus.[3] Heute dürfte ihre Zahl demnach bei weit über zwei Millionen liegen. Die Wahlergebnisse spiegeln diesen Anteil jedoch nicht wider: Bei den Wahlen zum Verfassungskonvent im Januar 2005 wurden gerade einmal drei turkmenische Abgeordnete, bei den Parlamentswahlen im Dezember 2005 sogar nur ein einziger Vertreter gewählt.

Die turkmenischen Parteien verlangen die Anerkennung ihrer ethnischen Selbstständigkeit und das Recht auf Selbstverwaltung. Beides ist eng verknüpft mit der Frage nach der Zukunft der umstrittenen Provinzen Kirkuk und Mossul, da die größten turkmenischen Siedlungsgebiete entweder in der Provinz Kirkuk (auf die vor allem die Kurden Anspruch erheben) oder in der multiethnischen Provinz Mossul (hier bilden zwar Araber die Mehrheit, aber auch bedeutende Gruppen von Kurden, Christen und Schabak sind hier beheimatet) liegen. Dass die Forderung turkmenischer Nationalisten, dass Kirkuk aus historischen Gründen von den Turkmenen verwaltet werden sollte, erfüllt wird, scheint wenig realistisch. Nicht nur weil die Kurden dies ablehnen, sondern auch, weil die arabische Mehrheit des Irak lediglich dazu bereit ist, den Kurden eine Art Autonomie zuzugestehen.[4]

Diese machtpolitisch schwierige Position spaltete auch die politischen Parteien der Turkmenen in zwei Lager: Ein Teil hat sich für die Zusammenarbeit mit den Kurden im Rahmen der regionalen Autonomieverwaltung in Erbil entschieden. Ein anderer versucht den Einfluss der Kurden im post-baathistischen Irak einzudämmen. Trotz der Spannungen ist bislang aus den kurdisch-turkmenischen Auseinandersetzungen kein gewaltförmiger Konflikt entstanden.

Fußnoten

3.
Vgl. Webseite der Irakischen Turkmenischen Front: www.kerkuk.net/kurumsal/?dil=1055&metin=7 (25.1.2011).
4.
Vgl. Markaz Dirasat al-Wahda al-Arabiya, Birnamaj li mustaqbal al-Iraq ba'da inha' als-ihtilal (Zentrum für Arabische Einheit, Programm für die Zukunft des Irak nach der Beendigung der Besetzung), Beirut 2005.