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21.2.2011 | Von:
Ferhad Ibrahim

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Christliche Minderheiten

Die christlichen Minderheiten des Irak wurden, nachdem die Anzettelung eines sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieges vorerst gescheitert zu sein scheint, zum Hauptziel Al Qaidas. Assyrer, Chaldäer und Syrer sind ohne Unterbrechung seit dem Altertum in Mesopotamien angesiedelt. Diese historische Kontinuität und die feste Verankerung im Christentum sind Hauptelemente ihrer Identität.

Die Verunsicherung der irakischen Christen setzte allerdings schon während des irakisch-iranischen Krieges (1980-1988) ein. Es zeichnete sich ab, dass eine wenig tolerante Interpretation des politischen Islam zu einem Faktor in der irakischen Politik werden würde. Die Baath-Regierung, die als säkular galt, übernahm während des Krieges gegen Iran sukzessive religiös-islamische Inhalte in seinen politischen Diskurs.[5] Die Auswanderungswelle der irakischen Christen als Folge ihrer Perspektivlosigkeit setzte in dieser Phase ein. Die meisten ließen sich in den USA nieder.

Die zweite Welle der Auswanderung fand in den 1990er Jahren statt. Hintergrund war die Zunahme der Gewalt und der Konflikte in vielen Staaten des Vorderen Orients, worunter auch die Lebensqualität und die Lebenschancen im Irak (welche durch die internationalen Sanktionen ohnehin begrenzt waren) litten. Hinzu kam, dass das eher säkulare Regime Saddam Husseins im Zuge der Niederlage im Zweiten Golfkrieg und des folgenden Legitimitätsverlustes immer stärker auf islamische und islamistische Diskurse und religiöse Symboliken zurückgriff. Derselbe Saddam Hussein, der unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges gegen den Iran im Jahr 1980 das "religiös-politische Phänomen" ausmerzen wollte,[6] übernahm vermehrt islamisch-religiöse Inhalte in seine Politik und Rhetorik. Auch nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 stoppte die Auswanderung nicht, zumal sich Vorboten eines möglichen Bürgerkrieges abzeichneten.

Bei den im Irak lebenden Christen handelt es sich in der Mehrheit um Chaldäer, Assyrer und Syrer, die verschiedene Dialekte der aramäischen Sprache sprechen. Hinzu kommen Armenier, die vor und während des Ersten Weltkrieges nach Mesopotamien geflüchtet waren. Zwar entwickelte sich infolge des Ersten Weltkrieges auch unter den Assyrern und Syrern eine nationale Idee im Sinne einer ethnischen Identität, sie blieb aber auf ihre säkularen Eliten beschränkt. Der Klerus der orthodoxen, katholischen und anderer Kirchen Westasiens, wo diese Völkerschaften angesiedelt sind, erteilte der ethnischen Identität eine deutliche Absage.[7] Die Spaltung in drei Hauptgruppen (Chaldäer, Assyrer und Syrer) entlang der konfessionellen Grenzen ließ die Idee einer umfassenden nationalen Bewegung der Assyrer oder der Chaldäer-Assyrer scheitern.

In der irakischen Verfassung von 2005 ist von der chaldäisch-assyrischen Gemeinschaft die Rede. Die christlichen Mitglieder des Verfassungskonvents hatten diese Formulierung vorgeschlagen. In der Realität lehnen vor allem die Chaldäer die Darstellung der beiden Gruppen als eine gemeinsame ethnische Gruppe ab. Stattdessen sprechen auch sie seit dem Sturz des Saddam-Regimes vermehrt von einer "chaldäischen Nation".

Diese Unstimmigkeiten und der fehlende Konsens innerhalb der christlichen Gemeinden haben signifikante politische Auswirkungen, vor allem dahingehend, dass sich die Christen im Irak nicht über Maßnahmen, die ihre Sicherheit gewährleisten könnten, einigen können.

Bis Ende des Jahres 2010 waren Schätzungen zufolge 25 Kirchen und Kloster Ziele von Anschlägen, bei denen etwa 900 Christen umkamen.[8] Nach der Ermordung des chaldäischen Erzbischofs von Mossul Paulos Faraj Rahho durch Al Qaida im Jahre 2008 und nach dem Anschlag gegen die Sankt Joseph-Kirche in Bagdad im Oktober 2010 wurden Stimmen laut, welche die Errichtung einer autonomen Region für die Christen in der Mossul-Ebene forderten. Doch die christliche Geistlichkeit wie der Bischof von Kirkuk Louis Sako und andere irakische Kirchen lehnen einen Sonderstatus für die Christen und die Errichtung von temporären Schutzzonen, was sie als "Gettoisierung" der Christen bezeichnen, ab.[9] Zudem argumentierte Bischof Sako, dass die Christen in verschiedenen irakischen Provinzen ansässig seien, so dass eine Autonomielösung schwer realisierbar wäre. Ein Teil dieser Gebiete wird von der Zentralregierung und der andere von der kurdischen Autonomieverwaltung in Erbil verwaltet.

Stattdessen kursiert ein anderer Plan, der vom Assyrisch-Chaldäisch-Syrischen Rat[10] unter Führung des Politikers in der Autonomen Kurdischen Region Sarkis Agajan propagiert wurde. Dieser Plan sieht die Angliederung der christlichen Gebiete Mossuls an die christlichen Gebiete in der kurdischen Region vor. Aus diesen wiederum solle ein größeres Selbstverwaltungsgebiet der Christen unter dem Dach der regionalen Autonomieverwaltung in Erbil entstehen. Während diese Idee heftige Ablehnung seitens der Araber in Mossul hervorruft, gibt es erwartungsgemäß Unterstützung aus den Reihen der Kurden: Für sie wäre das ein territorialer Zugewinn, und durch die Angliederung der Christen hätten sie eine gut ausgebildete und wirtschaftlich aktive Minderheit gewonnen.

Eine andere Variante der christlichen Selbstverwaltung wird von Christen in der Diaspora propagiert. Sie sieht die Ausgliederung der christlichen Gebiete aus der kurdischen Region und ihre Fusionierung mit den christlichen Gebieten Mossuls vor. Diese Option allerdings wird von den Arabern, Turkmenen und Kurden abgelehnt.

Für viele Christen scheint deshalb die Flucht aus dem Irak die einzige Lösung zu sein. Diesen Weg wählten bislang bereits etwa 300.000 bis 500.000 von ihnen. Weder die politischen Parteien der Assyrer und Chaldäer noch irakisch-christliche Kirchen oder Vertreter der Zentralregierung favorisieren zwar die Auswanderung, können sie aber wegen der sich häufenden Anschläge nicht verhindern.

Fußnoten

5.
Dazu gehörten die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben, die Abschaffung der Koedukation und die Benutzung von islamischen Symbolen.
6.
Vgl. Ferhad Ibrahim, Konfessionalismus und Politik in der arabischen Welt: die Schiiten im Irak, Münster 1997, S. 286-294.
7.
Vgl. Gabriele Yonan, Assyrer heute. Kultur, Nationalbewegung der aramäisch sprechenden Christen im Nahen Osten. Verfolgung und Exil, Hamburg 1978.
8.
Vgl. Usama Mahdi, al-Iraq yarfudh da'awat kharijiya li-hijrat masihiyihi (Der Irak lehnt externe Forderungen zur Auswanderung seiner Christen ab), in: Elaph vom 23.1.2011, online: www.elaph.com/Web/news/2011/1/626862.
html (25.1.2011).
9.
Vgl. Erklärung von Bischof Louis Sako, online: http://Chaldoashour.com/vb/showthread.php?03d117 (25.1.2011).
10.
Der Rat, der um 2005 in Erbil entstanden ist, geht davon aus, dass die Christen mit allen ihren konfessionellen Gemeinschaften eine ethnische Gruppe darstellen.