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21.2.2011 | Von:
Ferhad Ibrahim

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Yeziden

Die Yeziden[13] (ezidi) sind eine der ältesten nichtmuslimischen Gruppen im Irak. Die irakische Verfassung von 2005 stellt das Yezidentum als Religion dem Islam und Christentum gleich.[14] Dies gilt auch für die Verfassung der kurdischen Region, die im Jahr 2010 zwar vom Regionalparlament verabschiedet wurde, aber noch durch ein Referendum bestätigt werden muss.

Die Yeziden lebten bis ins 19. Jahrhundert in fast allen Siedlungsgebieten der Kurden. Die Übergriffe der Osmanen und der muslimischen Kurden im 19. Jahrhundert dezimierte ihre Zahl dramatisch. Heute leben die etwa 700.000 Yeziden vor allem in den nordirakischen Provinzen Duhok und Mossul. Sie sind kurdischsprachig. Obwohl der Ursprung dieser Religion noch nicht eindeutig geklärt ist, liegen ihre Wurzeln in der vorislamischen Zeit. Zu ihren Elementen gehören altiranische, manichäische, synchretistische und orientalisch-christliche Merkmale. Bedingt durch die islamische Umwelt gibt es auch Spuren dieser, aber die Gemeinschaft der Yeziden kann wegen der deutlichen rituellen, ethischen und sozialen Eigenheiten kaum als eine heterodoxe islamische Gruppe betrachtet werden.

Von nichtmuslimischen kurdischen Nationalisten, neuerdings auch in den Reihen der Yeziden selbst, wird die Yezidengemeinschaft essentiell dem Kurdentum zugeordnet.[15] Die Kurden verlangen daher, dass die Sinjar- und Shaykhan-Gebiete, die in der Provinz Mossul liegen, der Autonomen Region Kurdistan zugeordnet werden. Auch innerhalb der Yezidengemeinschaft gibt es Stimmen, die eine Angliederung ihrer Siedlungsgebiete an Kurdistan befürworten. Sie erhoffen sich davon Schutz vor den Übergriffen von Islamisten. Diese Forderung wurde vor allem nach dem Anschlag der Al Qaida im Oktober 2007 in den Dörfern im Sinjar-Gebiet laut.

Diesen Stimmen steht eine kleine Gruppe von Politikern gegenüber, die eine eigene yezidische Identität propagieren und sich für die Gründung einer autonomen yezidischen Region Ezidikhan [16] aussprechen. Sie verstehen sich als Vertreter des yezidischen Nationalismus. Das Hauptanliegen dieser Strömung, die in der europäischen Diaspora und besonders in der Republik Armenien ihre Anhänger hat, ist vor allem die politische und ideologische Trennung von der kurdischen Identität. Diese Haltung basiert auf der kollektiven Erinnerung an die Jahrhunderte andauernde Verfolgung durch islamisch-kurdische Stämme, die seit einigen Jahrzehnten durch yezidische Historiker aufgearbeitet wird.

Fußnoten

13.
Vgl. John S. Guest, Survival among the Kurds. The History of the Yezidis, London 1993; Philip C. Kreyenbroek, Yazidi. Encyclopaedia of Islam, Leiden 2002.
14.
Vgl. Hasan Ismail al-Jutyar, Huquq al-Yazidiyin fi al-Dustur al-Iraqi wa fi Musudat Iqlim Kurdistan (Die Rechte der Yeziden in der irakischen Verfassung und im Entwurf der Verfassung der kurdischen Region), in: Al-Mahfal, (2010) 1, S. 65-71.
15.
Dagegen wehren sich die auf Eigenständigkeit bedachten Yezidengemeinden Armeniens und Georgiens entschieden.
16.
Ezidikhan ist eine mystisch-religiöse Vorstellung einer Art yezidischen Gottesstaates. Dieser Begriff wurde in einigen qawl (Sprüche, Psalmen, heilige Hymnen der Yeziden) erwähnt, sein Ursprung liegt aber im Dunkeln.