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10.1.2011 | Von:
Arne Busse

Mit "Ballerspielen" gegen pädagogische "No-Go-Areas"? Erfahrungen mit Eltern-LANs

Pädagogische Ausgangssituation

Die pädagogische Ausgangssituation lässt sich aus unserer Sicht anhand dreier Thesen beschreiben. Die erste lautet:

Computerspiele sind ein relevanter Bestandteil (männlicher) jugendlicher Freizeitgestaltung.

Aktuelle Studien zeigen, dass Computer- und Videospiele zu einem relevanten Teil jugendlichen Medienhandelns geworden sind. Vor allem für männliche Heranwachsende stellt der Umgang mit Computerspielen nach der Nutzung des Internets, dem Hören von Musik und dem Fernsehen eine wichtige Freizeitbeschäftigung dar. 93 Prozent der in der aktuellen "JIM-Studie" befragten 12- bis 19-jährigen Jungen spielen Computerspiele (Mädchen 69 Prozent), die durchschnittliche wöchentliche Spielzeit der Jungen liegt bei 104 Minuten in der Woche und 132 Minuten am Wochenende.[6] Dieser sehr ausgeprägten und teilweise auch sehr intensiven Mediennutzung gegenüber stehen Erwachsene, die nicht oder nur wenig spielen und sich kaum mit diesem Medienhandeln der Heranwachsenden auseinandersetzen und aufgrund mangelnder eigener Erfahrung oder fehlender Informationen nicht wissen, wie sie digitale Spiele pädagogisch beurteilen sollen. Die zweite These lautet entsprechend:

Die Generation der Eltern (und Lehrkräfte) verfügt über kein diesem Medienhandeln entsprechendes Wissen, keinen angepassten Erfahrungshorizont oder pädagogischen Zugang. [7]

Eltern sehen als Folge oftmals auch keine Notwendigkeit, Kinder beim Erlernen des Medienumgangs erzieherisch zu unterstützen: "Obwohl Kinder schon sehr früh mit Medien in Kontakt kommen, wird selten die Notwendigkeit gesehen, diese in das allgemeine Erziehungskonzept zu integrieren. Solange es nicht zu Konflikten kommt, scheint aus Sicht vieler Eltern kein Handlungsbedarf erforderlich."[8] Das JFF - Institut für Medienpädagogik kam 2007 in einer Studie zur Akzeptanz des deutschen Jugendmedienschutzsystems zu dem Ergebnis: "Die notwendige Verantwortungsübernahme seitens der Eltern wird insbesondere dadurch beschränkt, dass Wissen und Fähigkeiten von Heranwachsenden und Erziehungsberechtigten in Bezug auf die interaktiven Möglichkeiten der heutigen Medienwelt sehr auseinanderdriften. (...) Jugendschutzrelevantes Medienhandeln innerhalb von Peerstrukturen unterläuft den Jugendmedienschutz und entzieht sich weitgehend der Kontrolle des erwachsenen sozialen Umfeldes."[9]

Mit Bezug auf Computerspiele stellte die "JIM-Studie" 2008 fest, "dass die Mehrheit der Eltern keinerlei Regeln für den Umgang mit Computerspielen getroffen hat. Hier ist ein deutlicher Informationsbedarf für Eltern gegeben".[10] Aus pädagogischer Sicht ist eine Überregulierung von Aktionsfeldern oder symbolischen Räumen, in denen Heranwachsende sich bewegen und in denen sich Identitätsfindungs- und Sozialisationsprozesse ereignen, nicht sinnvoll.[11] Wohl aber ist es notwendig, diese Prozesse zu begleiten, um Entwicklungsbeeinträchtigungen oder -gefährdungen zu verhindern und auf eine gute Spielpraxis hinzuwirken; wobei sich die Bewertung der Spielpraxis hier nicht allein auf die Art der Spiele, sondern ebenso auf die Art des Spielens beziehen sollte.[12] Angesichts der bisherigen Feststellungen mag die dritte These überraschend erscheinen:

Eltern sind Expertinnen und Experten ihrer Kinder.

Die Behauptung beansprucht ihren Wahrheitsgehalt allein aus der familialen Grundsituation, welche die Eltern zu den zumindest erfahrensten Expertinnen und Experten ihrer Kinder macht. Gleichzeitig sind sie bis zu einem gewissen Alter der Kinder auch immer Rollenvorbild. Aufgrund dieses besonderen Charakters der Eltern-Kind-Beziehung sollten Eltern eine stärkere Verantwortung für das Medienhandeln ihrer Kinder übernehmen, eben weil sie es mit Blick auf die Kind-Kompetenz letztlich am besten vermögen. Die notwendige Medienkompetenz in Bezug auf Computerspiele können sich Eltern auch von ihren Kindern vermitteln lassen, solange sie sich die pädagogische Kompetenz nicht nehmen lassen.[13]

Um diese Befunde in der medienpädagogischen Arbeit wirkungsvoll aufzugreifen und sinnvoll zu berücksichtigen, haben die Bundeszentrale für politische Bildung, der Veranstalter der Electronic Sports League (ESL) Turtle Entertainment, der Spieleratgeber NRW (ComputerProjekt Köln e.V.) und das Institut Spielraum an der Fachhochschule Köln 2008 eine Eltern-LAN-Veranstaltungsreihe für Eltern und Lehrkräfte konzeptionell und organisatorisch entwickelt. Bis Ende 2010 wurden bundesweit über 30 Eltern-LANs nach diesem Konzept veranstaltet.[14]

Fußnoten

6.
Vgl. MPFS (Hrsg.), JIM 2010. Jugend, Information, (Multi-)Media, Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, Stuttgart 2010, S. 36, online: www.mpfs.de/jim (21.12.2010).
7.
Hier sind mehrere Generationenbegriffe zu berücksichtigen: der genealogische (Abstammung/Abfolge), der pädagogische (Wer lernt von wem oder lehrt/erzieht wen?) und der historisch-soziologische, der gesellschaftliche Gruppen nach bestimmten politischen, kulturellen, sozialen Erfahrungen oder Praxen ordnet. Vgl. François Höpflinger, Generationenfrage - Konzepte, theoretische Ansätze und Beobachtungen zu Generationenbeziehungen in späteren Lebensphasen, Lausanne 1999, online: www.hoepflinger.com/fhtop/
Generationenfrage.pdf (21.12.2010).
8.
Daniel Süss/Claudia Lampert/Christine W. Wijnen, Medienpädagogik. Ein Studienbuch zur Einführung, Wiesbaden 2010, S. 131.
9.
Helga Theunert/Christa Gebel, Untersuchung der Akzeptanz des Jugendmedienschutzes aus der Perspektive von Eltern, Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften, München 2007, S. 101 und S. 108, online: www.jff.de/dateien/JFF_JMS_LANG.pdf (21.12.2010).
10.
MPFS (Hrsg.), JIM 2008. Jugend, Information, (Multi-)Media, Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, Stuttgart 2008, S. 68, online: www.mpfs.de/jim (21.12.2010).
11.
Vgl. Johannes Fromme, Sozialisation in einer sich wandelnden Mediengesellschaft, in: Jürgen Lauffer/Renate Röllecke (Hrsg.), Mediale Sozialisation und Bildung, Bielefeld 2007, S. 12-29.
12.
Vgl. Christopher Scholtz, Zwischen Spielauswahl und Spielpraxis. Entscheidungsfelder für Eltern und Pädagogen, in: Jürgen Fritz (Hrsg.), Computerspiele(r) verstehen. Zugänge zu virtuellen Spielwelten für Eltern und Pädagogen, Bonn 2008, S. 225-235.
13.
Vgl. Höpflingers Begriff der pädagogischen Generation (Anm. 7).
14.
Zusätzlich gab es auch Eltern-LANs als Informationsveranstaltungen für Politikerinnen und Politiker, beispielsweise für den Sonderausschuss "Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen: Jugendgefährdung und Jugendgewalt" des Landtags von Baden-Württemberg.