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10.1.2011 | Von:
Joachim Weiner

"Medienkompetenz" - Chimäre oder Universalkompetenz? - Essay

Begriffliche Unschärfe

Das Problem ist nur, dass die von Politik, Wirtschaft und Medien seit Jahren von den Bürgern eingeforderte Medienkompetenz inhaltlich und begrifflich derart unbestimmt ist, dass niemand genau weiß, was ihm eigentlich abverlangt wird. Selbst Medientheoretiker und -pädagogen räumen mehrheitlich ein, dass es bislang an verbindlichen Normen und Kriterien zur Bewertung von Medienkompetenz mangele. Ihre gängige Bestimmung als Fähigkeit des Subjekts, einen sachgerechten, sinnvollen, kritisch-reflexiven, sozial verantwortungsvollen und kreativen Umgang mit den Medien zu pflegen, ist kaum mehr als eine wohlklingende Leerformel. Es kann daher nicht verwundern, dass erhebliche Uneinigkeit darüber besteht, welche Fähigkeiten Medienkompetenz umfasst, wie sie erfolgreich erworben und vermittelt werden kann und erst recht ab wann jemand hinreichend über sie verfügt.

Allen theoretischen Unklarheiten, methodischen Problemen und unterschiedlichen Konnotationen zum Trotz, die dem Konstrukt Medienkompetenz anhaften, werden Politik und Wirtschaft nicht müde, sie als unverzichtbare Ressource anzupreisen, die es in einem lebenslangen Lernprozess beständig aufzufrischen gilt. Jedwedes Unterfangen, das den Anspruch erhebt, Medienkompetenz zu befördern, gilt derweil von vornherein als gut und unterstützenswert. Selbst die lange Zeit umstrittene, weil ausschließlich eigennützige Sponsoringpraxis der profitorientierten Medienindustrie, Kindergärten und Schulen mit stark verbilligter oder kostenloser Hard- und Software auszustatten, ruft kaum noch Bedenken hervor, seit die Unternehmen dazu übergegangen sind, sie der Öffentlichkeit als "Medienkompetenzförderung" zu verkaufen. Wer hingegen die Tauglichkeit von Medienkompetenz als Leitbild der Mediengesellschaft in Frage stellt und die zahlreichen, von der öffentlichen Hand finanzierten Maßnahmen zu ihrer Förderung in weiten Teilen für fragwürdig oder gar überflüssig hält, läuft Gefahr, im medienpolitischen Diskurs geflissentlich überhört und an den Rand gedrängt zu werden.

Selbst die Kritik renommierter Medienpädagogen und -theoretiker an dem unreflektierten Umgang mit dem wissenschaftlich invaliden Medienkompetenzkonzept hat seine Apologeten bislang nicht irritiert. Im Gegenteil: Medienkompetenz scheint sich immer mehr zur allumfassenden Universalkompetenz der globalisierten Wissensgesellschaft zu entwickeln, und die Appelle an die Bürger, die ihre zu verbessern, haben in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen.

Insbesondere die Politik kann sich nach der von ihr betriebenen Deregulierung des Medienmarktes eine Demontage ihres medienpolitischen Leitbegriffs nicht leisten. Damit wäre ihre Strategie gescheitert, die Bewältigung der Probleme und Risiken, die auf das Konto ihrer Entscheidungen gehen, an den einzelnen Bürger zu delegieren. Schließlich ist doch heute jeder gehalten, sich über die technische Beherrschung der neuen Informations- und Unterhaltungsmedien hinaus zu befähigen, die Risiken und Fallen der schönen neuen Medienwelt zu erkennen und gekonnt zu umschiffen, ihren falschen Versprechungen und verführerischen, aber qualitätslosen Angeboten nicht unreflektiert auf den Leim zu gehen und den insbesondere durch Internet und Handy entstandenen Gefahren für den Daten- und Persönlichkeitsschutz angemessen vorzubeugen.

Den Bürgern wird diese Zumutung von der Politik als ein Beitrag zur Stärkung der Eigenverantwortung im Dienste eines selbstbestimmten Lebens in der digitalen Gesellschaft verkauft. Wer sich nicht hinreichend um die benötigte Medienkompetenz bemüht, so die unterschwellig vermittelte Botschaft, der verhält sich verantwortungslos und hat daher auch kein Recht sich zu beklagen, wenn er an den Klippen der Mediengesellschaft Schiffbruch erleidet.