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10.1.2011 | Von:
Joachim Weiner

"Medienkompetenz" - Chimäre oder Universalkompetenz? - Essay

Der medienkompetente Bürger - ein Alptraum

Die frappante Diskrepanz, die hierzulande zwischen der allseits beschworenen Bedeutung von Medienkompetenz für die erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen der Informations- und Wissensgesellschaft und dem desolaten Zustand besteht, in dem sich die Medienbildung befindet, legt den Verdacht nahe, dass weder die Politik noch die Wirtschaft und die Medien ein ernsthaftes Interesse an dem reflektierten, kreativen und kritischen Mediennutzer haben, den sie unablässig als Leitbild der Mediengesellschaft vor sich hertragen.

Das wäre nämlich einer, der seine beruflich und privat benötigten IT-Kenntnisse zwar auf dem neuesten Stand hält, aber nicht einen großen Teil seiner Freizeit dazu nutzt, um mehr oder weniger ungezielt und gedankenlos durch das Netz zu surfen oder sich stundenlang in der Welt der Computerspiele und Chatrooms zu verlieren. Im Umgang mit Büchern und Bibliotheken geschult, durch den er sich das notwendige Orientierungswissen für die Erschließung des im Internet ausgebreiteten Informationsangebots angeeignet hat, würde er im Netz vorwiegend gezielt nach Informationen suchen, die er zur Erweiterung seines Wissenshorizontes und zur effektiveren Bewältigung seines Alltags benötigt. Auf eine Mitgliedschaft bei "Facebook" oder "StudiVZ" würde er, schon um seine Privatsphäre zu schützen, verzichten. Bloggen und twittern würde er allenfalls dann, wenn er Relevantes zu vermelden hätte, das auf anderen Wegen keinen Eingang in den öffentlichen Diskurs finden würde, nicht aber, um die Welt mit belanglosen Nichtigkeiten und privaten Befindlichkeiten zu behelligen.

Er würde auch nicht seine Hardware, sei es nun sein Handy, Fernseher, MP3-Player, Navigationsgerät oder Computer, im Rhythmus der Innovationszyklen der Industrie gegen neue, leistungsstärkere Produkte eintauschen, sondern erst dann, wenn die Neuentwicklungen für ihn einen spürbar höheren Nutzen und Gebrauchswert hätten als seine Altgeräte. In gleicher Weise würde er auch in Sachen Software verfahren und seine Geräte nicht mit Programmen überladen, die er eigentlich nicht benötigt. Überdies würde er die Informations- und Unterhaltungsangebote der Medien überaus selektiv und restriktiv nutzen, weil er den größten Teil seines Freizeitbudgets für sein Familienleben, die Pflege seiner Sozialkontakte und die Wahrnehmung anderer Kultur- und Freizeitangebote verbrauchen würde.

Dieser, hier nur in groben Zügen skizzierte, aus der Sicht der Medienpädagogik wohl als ausreichend medienkompetent geltende Mediennutzer wäre der lebendige Alptraum der Medienindustrie, der Medien und der Politik. Er würde alle ihre Wachstumsprognosen und -hoffnungen zunichte machen und eine mit der jüngsten Finanzkrise vergleichbare Wirtschaftskrise heraufbeschwören, gilt doch die Informations- und Kommunikationstechnologie als der entscheidende Wachstumsmotor der globalisierten Wissensgesellschaft. Der von der Politik, den Medien und der Medienindustrie erwünschte medienkompetente Bürger ist daher wohl eher einer, der sich mehr oder weniger bewusstlos dem konsumistischen Imperativ der postindustriellen Mediengesellschaft unterwirft, der in etwa so lautet:

Konsumiere möglichst viel von dem, was Dir von den Medien und der Medienindustrie angeboten wird, entwickle aber dabei keine Denk- und Handlungsmuster, die Deine Verwendbarkeit auf dem Arbeitsmarkt beeinträchtigen oder zu einem gesellschaftlich inakzeptablen Sozialverhalten führen.

So viel zu der Medienkompetenz, die in unserer rendite- und wachstumsfixierten Marktgesellschaft den Bürgern abverlangt wird, und, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, weniger im Dienste eines selbstbestimmten als eines marktkonformen Umgangs mit den Medien steht. Wer ihr daher, wie von der Politik gefordert, lebenslang hinterherhechelt, hat gute Chancen, zu einem technisch hoch aufgerüsteten, mit überflüssigem Wissen angefüllten und unablässig medial kommunizierenden Medienidioten zu werden, von denen es in unserer schönen neuen Medienwelt schon heute mehr gibt, als uns lieb sein kann.