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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Gesellschaftliche Konflikte ergeben sich dann, wenn das Anerkennungsversprechen verletzt wird. Verwildert ist heute der soziale Konflikt, weil der Kampf um Anerkennung seiner moralischen Grundlagen stark verlustig gegangen ist.

Einleitung

In den Debatten über soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Konflikte spielt die Kategorie der Anerkennung zumeist eine untergeordnete Rolle. Im Anschluss an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, George Herbert Mead und Talcott Parsons lässt sich die Etablierung moderner Gesellschaften jedoch als ein Prozess der Ausdifferenzierung von verschiedenen Sphären der wechselseitigen Anerkennung beschreiben. Mit Hilfe des Begriffs der Anerkennung soll Aufschluss darüber gewonnen werden, welche Antriebe es sind, die die Gesellschaftsmitglieder zur Übernahme sozialer Verpflichtungen bewegen: Jeder Mensch ist, wie Parsons sagt, primär an der Wahrung einer Form von "Selbstachtung" interessiert, die auf die Anerkennung durch ihrerseits anerkannte Interaktionspartner angewiesen ist. Insofern ist es "einer der schlimmsten Schläge" für jeden Einzelnen, "die Achtung von Menschen zu verlieren, deren Achtung man erwartet".[1] In dieser Perspektive wird davon ausgegangen, dass nicht nur die individuellen Mitglieder, sondern auch die wesentlichen Institutionen von Gesellschaften auf Praktiken und Ordnungen intersubjektiver Anerkennung angewiesen sind. Damit können soziale Sphären immer auch als Anerkennungsverhältnisse betrachtet werden, in denen wir uns nicht bewegen und verhalten können, ohne implizit auf das jeweils institutionalisierte Anerkennungsprinzip zurückzugreifen.

Diese Sicht auf die Architektur moderner Gesellschaften erzwingt folgenreiche Akzentverschiebungen gegenüber dem Gros soziologischer und politikwissenschaftlicher Ansätze: Zum einen wandelt sich die Vorstellung über die Eigenart gesellschaftlicher Subsysteme und Institutionen - diese müssen als ausdifferenzierte, um Normen der reziproken Achtung kristallisierte Handlungssphären begriffen werden, weil die ihnen innewohnenden Pflichten und Verantwortlichkeiten vor allem aus dem Streben nach sozialer Anerkennung heraus erfüllt werden. Die Normen und Werte, die als moralische Integrationsquellen in diesen Sphären dienen, müssen zugleich Standards liefern, in deren Licht sich die Teilnehmer wechselseitig anerkennen können. Zum anderen erhält die Beschreibung sozialer Konflikte eine neue Gestalt: Diese können, in Anlehnung an eine Denkfigur Hegels, als ein "Kampf um Anerkennung" begriffen werden, als das Ringen um eine Neubewertung, Neuinterpretation oder Neuformulierung der in den jeweiligen Sphären geltenden Normen der Anerkennung. Zu kurz greifen theoretische Versuche, soziale Kämpfe allein unter dem ökonomischen Paradigma der Umverteilung begreifen zu wollen - ihnen entgeht die tiefer liegende Schicht normativer Antriebe, die "moralische Grammatik sozialer Konflikte".[2]

Im Folgenden soll nach der Klärung zentraler Elemente einer anerkennungstheoretischen Gesellschaftsanalyse einige der gesellschaftlichen Tendenzen herausgearbeitet werden, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einer schleichenden Untergrabung maßgeblicher Anerkennungsnormen geführt haben. Das vorläufige Ergebnis dieser Auflösungserscheinungen soll im dritten Schritt vorgestellt werden. Die These lautet hier, dass von einer "Verwilderung" des sozialen Konflikts gesprochen werden kann. Gemeint ist damit ein gesellschaftlicher Zustand, in dem die Bestrebungen nach sozialer Anerkennung ausufern, weil sie in den systemisch vorgesehenen Handlungssphären keine normativ gerechtfertigte Befriedigung mehr finden.

Fußnoten

1.
Talcott Parsons, Die Motivierung des wirtschaftlichen Handelns, in: ders./Dietrich Rüschemeyer (Hrsg.), Beiträge zur soziologischen Theorie, Neuwied-Berlin 1964, S. 136-159, hier: S. 146; vgl. auch: ders., Ansatz zu einer analytischen Theorie der sozialen Schichtung, in: ebd., S. 180-205, hier: S. 184f.
2.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1994.