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Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie


30.11.2011
Die Historiker sind uneins, ob sich die UdSSR in einer strukturellen Krise befand oder ob Gorbatschow diese herbeiführte. Die westliche Zunft feiert Gorbatschow; in Russland wird er ignoriert.

Einleitung



Das Ende der Sowjetunion sei eine "gesamtnationale Tragödie von gewaltigen Ausmaßen" gewesen, meinte der russische Präsident Wladimir Putin 2004, und fügte ein Jahr später hinzu, der Untergang der einstigen Supermacht sei zugleich "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts".[1] Während dem Politiker ein solches Urteil nicht schwer fällt und sich Teile der nun zu verschiedenen Staaten gehörenden ehemaligen sowjetischen Bevölkerung nach früherer Größe und Stärke sehnen, haben sich die Historiker erst wenig mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auseinandergesetzt. Zum einen sind 20 Jahre für die Zunft keine Zeit; die historische Rolle Michail Gorbatschows werde man erst an der Schwelle zum 21. Jahrhundert wirklich erfassen können, so 1995 der Historiker Dmitri Wolkogonow.[2] Zum anderen bescherte der Zusammenbruch der Sowjetunion den Historikern in West wie Ost erst einmal eine Krise: Die Sowjetologen im Westen fragten sich, warum sie den Zusammenbruch der Supermacht nicht hatten voraussehen können.[3] Verdankte sich der großzügige Ausbau der akademischen Osteuropaforschung nicht gerade der "Feindforschung", die offenbar kläglich versagt hatte?

Während die Zunft kritisch mit sich selbst ins Gericht ging, setzte in Deutschland die Politik den Rotstift an und strich einige Geschichtsprofessuren, mehrere Slawistik-Lehrstühle und fast alle Politikprofessuren, die auf Osteuropa spezialisiert waren. Die "Kremlologen" in den USA wurden nicht auf diese Weise abgestraft. Dafür loderte der Streit zwischen den zwei Schulen der "Totalitaristen", welche die Sowjetunion als Werk einer kleinen, gewalttätigen Putschistengruppe sahen, die über siebzig Jahre lang das Volk terrorisiert hatte, und den "Revisionisten", die in der Sowjetunion den Staat der Arbeiter erkannten, die sich hier eine bessere Zukunft verwirklichten, ein letztes Mal auf. Richard Pipes polemisierte, von der sozialgeschichtlichen Geschichtsschreibung der Revisionisten werde nur eine Fußnote übrigbleiben; die Öffnung der Archive werde all ihre sowjetfreundlichen Elaborate Lügen strafen.[4] In Frankreich war der Prozess der Selbstgeißelung besonders schmerzhaft: Die Reaktion auf die zuvor existierende latente bis manifeste Sympathie mit dem sozialistischen Land fand ihren Ausdruck im "Schwarzbuch des Kommunismus", das die Geschichte der Sowjetunion auf den Terror und das Zählen der Opfer reduzierte.[5]

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Fußnoten

1.
Poslanie Prezidenta RF V.V. Putina Federal'nomu Sobraniju RF, 25 aprelja 2005g.
2.
Vgl. Dmitrij Volkogonov, Sem' vodej. Galereja liderov SSSR v 2ch knigach, Bd. 2, Moskau 1995, S. 283.
3.
Vgl. Stefan Creuzberger et al. (Hrsg.), Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion, Köln 2000.
4.
Vgl. Richard Pipes, 1917 and the Revisionists, in: The National Interest, 31 (1993) 1, S. 68-79, hier: S. 79.
5.
Vgl. Stéphane Courtois et al. (Hrsg.), Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 19982.