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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Ende der Geschichte

Während im Westen Osteuropaspezialisten um Stellen, Selbstverständnis und Sympathisantentum rangen, wurde in Russland eine ganze Zunft entwurzelt und auf dem "Kehrrichthaufen der Geschichte" entsorgt. In der Sowjetunion hatte man nicht bloß "Geschichtswissenschaft", sondern die gesamte Weltgeschichte als "Geschichte der KPdSU" studiert. Nach dem Verbot der Partei im August 1991, der Diskreditierung der Ideologie und dem Einzug des Kapitalismus auf dem Arbeitsmarkt wurde Geschichte zur brotlosen Kunst: Akademiemitglieder, Universitätsangestellte oder Museumsfachleute suchten sich Zweit- und Drittjobs, um ihre miserablen Löhne aufzubessern. Wer Glück hatte, blieb im Metier und schrieb für Manager-Magazine populärwissenschaftliche Geschichtsessays; wer weniger Glück hatte, verdingte sich als Möbelpacker. Wer die Zeichen der Zeit begriff und die Chance dazu hatte, machte einen Crashkurs in westlichen Theorien, von Max Weber über Pierre Bourdieu bis Michel Foucault, und verschwand ins Ausland, vornehmlich an eine amerikanische Universität. Das Ergebnis: Viele der besten Köpfe sind Professoren in den USA geworden; in Russland gibt es noch die "alte Garde" der hochbetagten Akademieapparatschiks und einige junge, viel versprechende Historikertalente. Aber die Generation dazwischen ist fast nicht existent. Die russische Historikerzunft beginnt sich nach dem Weltuntergang von 1991 erst langsam wieder zu regenerieren.

Die Historiker, die sich nicht mit Nabelschau oder der eigenen Existenzsicherung beschäftigten, interessierten sich weniger für Ursachen und Folgen von 1991 als für die Hochzeit des Stalinismus in den 1930er Jahren und den Großen Terror. Während sie die Geschichte der Sowjetunion von hinten aufrollen und sich langsam in die Chruschtschow- (1953-1964) und Breschnew-Zeit (1964-1982) vorarbeiten, bleibt ein gravierendes Problem bestehen: Das Russländische Staatsarchiv für Neuste Geschichte (Rossiiskii Gosudarstvennyi Arkhiv Noveishei Istorii/RGANI), das die zentralen Aktenbestände für die Zeit nach 1950 verwahrt, ist kaum zugänglich: Es hat nur an drei Tagen pro Woche geöffnet, Lesern ist das Verwenden eines Laptops untersagt, und die meisten Bestände sind gesperrt oder nur in Teilen einsehbar.