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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Gorbatschow, der Radikalreformer

Gorbatschows Memoiren lassen keinen Zweifel daran, dass er Staat, Partei und Wirtschaft schon 1978, als Andropow ihn als Politbüromitglied nach Moskau holte, in einer tiefen Krise sah. Das ganze Land habe den "Rat der Greise" nicht mehr ernst genommen.[17] Gorbatschow, der voller Tatendrang war, der an den Leninismus, an Reformen und einen Aufbruch glaubte, der sich als Landwirtschaftsexperte und nicht als Apparatschik verstand, sah sich im Politbüro mit einer Reihe alter Männer konfrontiert, der "Generation der Erbauer", alle in ihren 70ern, die das Land nicht mehr wahrnahmen, die nur darauf bedacht waren, das innere Gleichgewicht im Politbüro nicht zu stören, die aus Angst vor Veränderung den arbeitsunfähigen Breschnew nicht absetzten und aus dem gleichen Grund noch zwei weitere Mitglieder ihrer Altersgruppe auf den Thron hievten. Gorbatschow litt unter dem absurden, grotesken, menschenunwürdigen Totenreigen im Politbüro, wenn alle so taten, als ob Breschnew oder später Tschernenko etwas zu sagen hatte, obwohl beide akustisch nicht mehr zu verstehen waren. Er erkannte, dass es gar keinen Kampf zwischen "Konservativen" und "Reformern" gab, sondern die verschiedenen Interessengruppen nur um Macht und Einfluss rangen; er wurde aufgenommen, weil er das Gleichgewicht der konkurrierenden Klientelen nicht störte.

Gorbatschow beschreibt sehr eindringlich die Krise und Endzeitstimmung, die er verspürte, gibt aber gleichzeitig zu Protokoll, dass dies der Blick eines Insiders war, während die Bevölkerung nicht wissen konnte, dass sie unter Breschnew und Tschernenko zehn Jahre lang von Männern regiert wurde, die physisch dazu nicht mehr in der Lage waren. Für ihn folgte daraus, dass die Perestroika von oben beginnen musste: "Anders konnte das unter den Bedingungen des Totalitarismus gar nicht sein. (...) Man musste so schnell wie möglich die Gesellschaft aus der Lethargie und Gleichgültigkeit reißen und sie in den Reformprozess einbinden."[18] Die Frage, "warum hat er das getan?" bzw. "wusste er, was er tut?" beantwortet Gorbatschow eindeutig mit "ja". Er hatte als Student und junger Mann die Chruschtschow-Zeit erlebt und die Ursachen für das Scheitern seines Vorgängers genau analysiert: Es sei ein Fehler gewesen, den Stalinismus nur auf die Person Stalins zu schieben; Nikita Chruschtschow habe sich geweigert, auch die Fehler im System zu erkennen. Damit stand für Gorbatschow fest, er würde die Chance ergreifen, wenn sie ihm geboten würde, das Land zu reformieren, und er würde es wesentlich grundlegender angehen als Chruschtschow. "So kann man nicht weiterleben", war sein Leitspruch.

Als Gorbatschow am 25. Dezember 1991 von seinem Posten als Präsident der Sowjetunion, die es nicht mehr gab, zurücktrat, sagte er: "Ich wusste, dass es sehr schwierig und sogar riskant sein würde, Reformen in einem solchen Maßstab in einer solchen Gesellschaft anzustoßen. Aber ich bin auch heute noch überzeugt von der historischen Richtigkeit dieser demokratischen Reformen, die im Frühjahr 1985 ihren Anfang nahmen."[19]

Fußnoten

17.
Vgl. M.S. Gorbaev, izn' i reformy, Bd. 1, Moskau 1995, S. 23.
18.
Ebd., S. 281.
19.
Ebd., S. 6.