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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Lichtgestalt versus Totengräber

Gorbatschow spielt im heutigen Russland kaum eine Rolle. Stalin wird zum Superstar gekürt, Breschnew wird als Vater des "goldenen Zeitalters" gefeiert, aber Gorbatschow gilt eher als Unperson. In einem Geschichtsbuch für Lehrer aus dem Jahr 2007 werden die "Irrtümer" Gorbatschows herausgestrichen, und er wird als Totengräber der Sowjetunion präsentiert. Er habe unter dem Einfluss des Westens ein großes Land zugrunde gerichtet, ohne Not die Hegemonie in Ostmitteleuropa aufgegeben und den "realen Sozialismus" diskreditiert.[20] In einer Reihe großer Führer von Stalin über Breschnew bis zu Putin erscheinen Chruschtschow, Gorbatschow und Jelzin als Nestbeschmutzer, die Russland vom richtigen Weg abbrachten.

Ganz anders sahen dies Dissidenten, Wegbegleiter und kritische Historiker Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Sie teilten mit dem Westen die Begeisterung für diesen Mann, der unerschrocken, ohne Rücksicht auf Verluste, angetrieben nur von seinen Überzeugungen, die Welt ins Wanken brachte. Dmitri Wolkogonow, der große Biograf der "Sieben Führer", beginnt sein Portrait mit den Worten, Gorbatschow sei der einzige "Führer" gewesen, der versucht habe, Russland dauerhaft mit der Freiheit zu vereinen.[21] Er vergleicht ihn mit Zar Alexander II. (1855-1881), der Russland die Großen Reformen brachte, und stellt ihn in seiner historischen Bedeutung auf eine Stufe mit Lenin: Der eine schuf die Sowjetunion, der andere zerstörte sie - ohne dafür einen Plan oder eine Strategie zu besitzen. Gorbatschows "Waffe" war der Leninismus, an den er glaubte; sein Instrumentarium waren die üblichen Mittel der Partei: die Generallinie des ZK, die Beschlüsse der Parteikongresse, die Programmdirektiven. Während Gorbatschow Chruschtschow vorwarf, er habe die Sowjetunion ändern wollen, ohne am System zu rütteln, sieht Wolkogonow Gorbatschows Denkfehler darin, dass er glaubte, das System ändern zu können, ohne dabei am sozialistischen Fundament zu rütteln. Darin pflichtet ihm auch Gorbatschows früherer persönlicher Mitarbeiter, Georgi Schachnasarow, bei: Gorbatschow wollte das totalitäre System durch eine parlamentarische Demokratie ersetzen und zerstörte damit ungewollt die Partei, deren Oberhaupt er war. Er habe keinen fertigen Plan gehabt, sondern sei nach dem Prinzip "Trial and Error" vorgegangen.[22]

Gorbatschow war ein Gesinnungstäter, darin sind sich alle einig. Bezeichnend war, so der Dissident Zhores Medwedjew, dass Gorbatschow mit Amtsantritt nicht wichtige außen- oder innenpolitische Maßnahmen ergriff, sondern zunächst mit der Ausarbeitung eines neuen Parteiprogramms begann.[23] Er glaubte, dass er die Partei erneuern und mit Überzeugungskraft das Land und die Menschen würde zusammenhalten können. Doch das war eine Utopie, an der bereits Chruschtschow gescheitert war, der ebenfalls geglaubt hatte, wenn die Partei den Menschen ihre freie Meinung ließ, würden sie sich freiwillig für die KPdSU und die Sowjetunion entscheiden. Schachnasarow stellt die Frage: "Wie konnte es geschehen, dass die Perestroika, die im Interesse einer Erneuerung der Gesellschaft und einer Verbesserung der Lebensverhältnisse eingeleitet wurde und Demokratie und Freiheit ermöglichte, zum Zerfall des Staates und Zusammenbruch der Wirtschaft führte (...)?"[24] So absurd es klingt, aber die Begleiter Gorbatschows bestätigen letztlich, was Kotkin so drastisch ausgedrückt hat: Die UdSSR starb an einer Überdosis Ideologie, am grenzenlosen Idealismus Gorbatschows. Dafür lieben und schätzen ihn seine Wegbereiter in Russland und seine Biografen im Westen. Sie beschreiben einen Helden, der an Schule und Universität immer nur Bestnoten erzielte, den seine fachliche Expertise und seine außerordentliche Intelligenz auszeichnete, der die Liebe seines Lebens fand und im Ausland Begeisterung hervorrief, der ein angenehmes Äußeres und Charisma hatte und sich in all diesen Eigenschaften entschieden von den anderen Politbüro-Mitgliedern abhob. Schachnasarow schwärmt, Gorbatschow konnte müde, unausgeschlafen oder krank sein, "niemals jedoch erlosch dieser Blick".[25]

Auch Archie Brown und William Taubman feiern Gorbatschow als große historische Persönlichkeit und können von Superlativen nicht lassen. Taubman, der schon die Monumentalbiografie zu Chruschtschow schrieb, hat sein Gorbatschow-Werk zum 1. Mai 2013 angekündigt. Archie Brown, der 1996 den "Gorbatschow-Faktor" veröffentlichte, nannte sein 2007 erschienenes Buch "Sieben Jahre, die die Welt veränderten", in Anlehnung an den berühmten Augenzeugenbericht zur Oktoberrevolution des Journalisten John Reed "Ten Days That Shook the World" (1919). Brown zieht nicht nur historische Parallelen zum Jahr 1917, als ein neues Zeitalter begann; er vergleicht Gorbatschow indirekt mit Martin Luther, wenn er sagt, die Perestroika habe eine starke moralische Dimension gehabt, die dem Protestantismus ähnelte, der sich gegen die korrupte katholische Kirche stellte. Weder habe Luther die Kirche spalten, noch Gorbatschow die Sowjetunion zu Grabe tragen wollen.[26] Mit dem Begriff "Gorbatschow-Faktor" wendet sich Brown gegen all jene, die strukturelle Kräfte - Wirtschaft, Gesellschaft, die außenpolitische Lage - als Ursache für die Einleitung von Glasnost und Perestroika nennen. Gorbatschow allein war der Initiator, so Brown, und er tat es aus freien Stücken und voller Überzeugung - und nicht, weil er die Not oder Zwang zur Veränderung verspürte.

Fußnoten

20.
A.V. Filippov, Novejaja Istorija Rossii 1945-2006gg. Kniga dlja uitelja, Moskau 2007.
21.
Vgl. D. Volkogonov (Anm. 2), S. 279.
22.
Vgl. Georgi Schachnasarow, Preis der Freiheit. Eine Bilanz von Gorbatschows Berater, hrsg. v. Frank Brandenburg, Bonn 1996, S. 21.
23.
Vgl. Zhores Medwedjew, Der Generalsekretär. Michail Gorbatschow. Eine politische Biographie, Darmstadt 1986, S. 292.
24.
G. Schachnasarow (Anm. 22), S. 13.
25.
Ebd., S. 48.
26.
Vgl. Archie Brown, Der Gorbatschow-Faktor. Wandel einer Weltmacht, Frankfurt/M. 2000; ders., Seven Years that Changed the World. Perestroika in Perspective, Oxford 2007.