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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Patrone und Klienten

Es ist zweifellos richtig, dass die Rolle Gorbatschows nicht überschätzt werden kann, und dennoch macht eine solche Hervorhebung eines Individuums die Historiker nervös. Die Frage lautet, wer ihn unterstützte. Als Gorbatschow an die Macht kam, waren die "klassischen" Dissidenten kaum noch existent: Die meisten waren exiliert, emigriert, in Verbannung oder in Haft. Daher wenden sich Forscher vermehrt den "Reformern im System" oder den "loyalen Dissidenten" zu, die zwar den Einmarsch in Prag 1968, die Entlassung Andrei Sacharows und die Exilierung Alexander Solschenizyns verurteilten, aber ihre Gedanken für sich behielten. Unter Breschnew entwickelten sich eine Reihe von wissenschaftlichen Einrichtungen, Redaktionen und auch ZK-Abteilungen zu Schutzräumen, in denen "loyale Oppositionelle" oder "liberale Konformisten" unter der Protektion eines mächtigen Institutsleiters mit Verbindungen ungestört denken und überwintern konnten - bis Gorbatschow sie rief.[27] Georgi Schachnasarow, Anatoli Tschernjajew, Alexander Jakowlew und viele andere Weggefährten Gorbatschows profitierten von diesen "institutionellen Amphibien", die wie die in Prag ansässige Zeitschrift "Probleme des Friedens und des Sozialismus" oder die Internationale Abteilung des ZK nach außen loyal waren, aber im Inneren Reformideen ausbrüteten.

Damit rückt ein weiteres Phänomen in den Mittelpunkt des Interesses von Historikern, das weithin anerkannt, aber doch noch wenig erforscht ist: die Rolle von Patron-Klienten-Beziehungen - nicht nur für den Schutz von Andersdenkenden, sondern für die Funktionsweise von Herrschaft in der Sowjetunion. Die Sowjetunion war, soviel steht außer Frage, kein bürokratischer Staat, sondern ein Personenverbundssystem, in dem nicht klare Strukturen, Hierarchien und Institutionen über Zuständigkeiten, Rechte und Pflichten entschieden, sondern in dem persönliche Verbindungen das wichtigste Kapital waren. Stalin lebte mit den Politbürofamilien wie ein kaukasischer Clan im Kreml zusammen, Chruschtschow baute seine Macht auf den ZK-Sekretären auf, die seine Klienten waren, Breschnew gilt als Machtvirtuose im Umgang mit den verschiedenen Interessengruppen schlechthin.[28] Während Stalin die Kader durch Terror in Angst und Schrecken hielt und Chruschtschow mit seinen ständigen Umstrukturierungsmaßnahmen den ZK-Mitgliedern ebenfalls das Fürchten lehrte, sah Breschnew es als seine erste Pflicht, die Menschen zur Ruhe kommen zu lassen.

Das bedeutet aber, dass der von ihm erzielte Idealzustand der totalen Kaderstabilität in Gorbatschows Augen genau der Kern allen Übels war: die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Macht um jeden Preis. Was Breschnew als Wohltat für alle nach Stalin und Chruschtschow einführte, bekämpfte Gorbatschow als Korruption. Er rüttelte damit an nichts geringerem als den Säulen des Systems, die Stalin aufgebaut, Chruschtschow entwickelt und Breschnew zementiert hatte. Anders ausgedrückt war die Sowjetunion weniger auf Ideologie gegründet als auf ein spezielles Herrschaftssystem der Patron-Klienten-Beziehungen, die Gorbatschow zum Feind Nummer 1 erklärte. Er wollte freie Wahlen statt Akklamation, freien Meinungsaustausch statt vorgestanzter Phrasen, freie Ämtervergabe nach Kompetenz und nicht nach Proporz. All das mochte mit seinen Idealen von Leninismus vereinbar sein, nicht aber mit dem sowjetischen System. Es ist daher zu hoffen, dass die ausstehende Biographie von Taubman nicht nur Gorbatschow als unbestechlichen Denker und unverbesserlichen Idealisten zeigt, sondern auch das Herrschaftssystem analysiert, das an Perestroika und Glasnost zugrunde gehen musste.

Fußnoten

27.
Vgl. Marc Sandle, A Triumph of Ideological Hairdressing? Intellectual Life in the Brezhnev Era Reconsidered, in: Edwin Bacon/Mark Sandle (eds.), Brezhnev reconsidered, Houndmills-Basingstoke-New York 2002, S. 135-164, hier: S. 139.
28.
Vgl. T.H. Rigby, Political Elites in the USSR. Central Leaders and Local Cadres from Lenin to Gorbachev, Aldershot 1990; John P. Willerton, Patronage and Politics in the USSR, Cambridge 1992.