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10.11.2011 | Von:
Ortwin Renn

Wissen und Moral - Stadien der Risikowahrnehmung - Essay

Nach der Jahrtausendwende

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends veränderte sich die Debatte über Risiken ein weiteres Mal: das Augenmerk richtete sich zunehmend in Richtung auf soziale Risiken, insbesondere Terrorismus, Sabotage, Mobbing, Depression, Selbstmord und andere schwer zu fassende Gründe für menschliches Leid.[9] Zu einem dramatischen Wandel im Denken über Risiken kam es aber erst mit dem Aufkommen eines neuen Risikotyps, der mit dem Begriff "systemisches Risiko" verbunden wurde.[10]

Seinen Ursprung hat dieser Begriff in den Finanzwissenschaften. Zunächst werden damit recht allgemein Risiken bezeichnet, die ein Finanzsystem oder die Ökonomie insgesamt und nicht nur spezifische Marktteilnehmer betreffen. Gleichzeitig steht bei systemischen Risiken die nicht intendierte Verknüpfung von Ereignissen mit anscheinend damit nicht funktional verbundenen anderen Ereignissen oder Folgen im Vordergrund. So hat die Hypothekenkrise ab Frühjahr 2007 auch die Finanzprodukte betroffen, deren Buchwerte sich auf andere, durchaus in sich solide finanzierte Schuldverschreibungen bezogen. In der finanzwissenschaftlichen Betrachtung wurde schon früh erkannt, dass solche systemischen Ereignisse nicht alleine in der Ökonomie auftreten können, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Systemen. Allgemein wurde auf die besondere Verletzlichkeit hoch vernetzter Systeme hingewiesen, in denen der Zusammenbruch einzelner Systemkomponenten in der Art des Dominoeffekts auch andere Teile des Systems und schließlich gar das ganze System erfassen kann.[11]

Systemische Risiken beschreiben Zustände, bei denen sich die eine Bedrohung durch die Verknüpfung von Risikopotenzialen aus unterschiedlichen Einflusssphären (Technik, Wirtschaft, Lebensstil) und ihren funktionalen Abhängigkeiten ergibt. Die Entwicklungen der Globalisierung vergrößern das Potenzial systemischer Risiken. Insbesondere lassen sich folgende Einflussfaktoren aufführen, welche die Verwundbarkeit vergrößern:

  • die Geschwindigkeit der Verstädterung (voraussichtlich werden nach 2020 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben);[12]

  • die unzureichende Infrastruktur, um der Verstädterung gerecht zu werden;[13]

  • die Kopplung voneinander unabhängiger Risikoquellen (Wechselwirkung von Naturkatastrophen mit chemischen, technologischen, durch Lebensstil bedingten und sozialen Risiken);[14]

  • die Zunahme der Mobilität und kulturelle Entwurzelung (und dadurch auch Verlust traditioneller Managementfähigkeiten);[15]

  • die Verstärkung und Intensivierung sozialer Konflikte;
  • die mangelnde Pufferkapazität bei Krisen und zu geringe Anpassungsmöglichkeiten an veränderte Bedingungen.[16]

Angesichts dieser neuen Herausforderungen befassten sich Wissenschaft und Politik zunehmend mit systemischen Risiken. Denn diese bedingen Nebenwirkungen über die betrachteten Systemgrenzen hinaus, wodurch eine ganze Folge sekundärer und tertiärer Auswirkungen ins Blickfeld geraten.[17] Der Soziologe Ulrich Beck spricht in diesem Zusammenhang von "entgrenzten" Risiken.[18] Dabei tritt erneut eine Wechselwirkung zwischen physischen Gefahren und deren sozialer Verarbeitung zu Tage. Die oft gewalttätigen Demonstrationen gegen das globale Auftreten von Organisationen oder Institutionen öffnen die Kluft zwischen denen, die daran glauben, von einer Risikoübernahme zu profitieren, und jenen, die sich diesen Risiken hilflos ausgesetzt fühlen und durch die fortschreitende Globalisierung von Risiken den Boden unter den Füßen zu verlieren glauben. Auf dem Spiel stehen dabei nicht nur Gesundheit und Leben, sondern auch soziale Werte wie Identität, Gerechtigkeit und kulturelle Kohäsion.

Vor dieser Folie der systemischen Risiken müssen auch die Ereignisse von Fukushima interpretiert werden. Dass in einem Hochtechnologieland wie Japan naheliegende Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten und im Verlauf der Katastrophenbewältigung zahlreiche Fehler gemacht wurden, unterstreicht den Eindruck, dass die modernen Institutionen des Risikomanagements die Gefahren nicht mehr beherrschen, von deren Beherrschbarkeit sie ausgegangen sind. Bei hoher Komplexität und enger Kopplung der technologischen Entwicklungen bleibt, so die Analyse des Soziologen Charles Perrow, ein geplantes und geordnetes Management Makulatur.[19]

Dazu kommt noch, dass komplexe und eng gekoppelte technische Systeme besondere hohe Anforderungen an Bedienung und Steuerung stellen. Bei jeder Fehlermeldung können mehrere Probleme vorliegen: Die Signalanlage kann einen Defekt haben, die Sensoren können etwas Falsches melden, die Störung kann von einer Komponente ausgehen, die nur indirekt mit dem angeblich ausgefallenen Teilsystem in Verbindung steht, oder das Signal sagt genau das aus, was es anzeigt. Diese Mehrdeutigkeit ist gepaart mit der Dringlichkeit, schnell und effektiv zu handeln. Zwar werden technische Systeme heute so ausgelegt, dass unabhängige und redundant angelegte Überprüfungen sensibler Anlageteile vorgenommen werden und der Zeitdruck durch automatisch einsetzende Überbrückungsroutinen abgemildert wird. Dennoch überfordert die Komplexität häufig die Reaktionsmöglichkeiten der Operateure, auch wenn diese konzentriert und gewissenhaft arbeiten. Nicht der Mensch versagt also in einem solchen Falle, sondern die Schnittstelle Mensch-Maschine ist nicht für die Fähigkeiten und Grenzen menschlicher Steuerung ausgelegt.

Hochtechnologie ist nur noch durch Improvisation steuerbar. Dieser Eindruck der mangelnden Beherrschbarkeit hat viel dazu beigetragen, dass die Menschen das Vertrauen in die Problemlösungskapazität der Risikomanager verloren haben. Mit dem Entzug des Vertrauens in die technische Elite erscheint Kernenergie nicht mehr akzeptabel zu sein. Vergleichende Analysen zur Kernenergie, etwa zwischen Frankreich und den USA, weisen deutlich darauf hin, dass ein Entzug von Vertrauen in die technische Elite einer der wichtigsten Erklärungsfaktoren für den Akzeptanzverlust gegenüber dieser Technologie darstellt.[20]

Fußnoten

9.
Vgl. OECD, Emerging Systemic Risks. Final Report to the OECD Futures Project, Paris 2003.
10.
Vgl. Ortwin Renn/Florian Keil, Was ist das Systemische an systemischen Risiken?, in:GAIA Ecological Perspectives for Science and Society, 18 (2009) 2, S. 97ff.
11.
Vgl. George G. Kaufman/Kenneth E. Scott, What is Systemic Risk, and Do Bank Regulators Retard or Contribute to it?, in: The Independent Review, 7 (2003) 3, S. 371-391.
12.
Vgl. Brigit G. Jones/Walter A. Kandel, Population Growth, Urbanization, Disaster Risk and Vulnerability in Metropolitan Areas: A Conceptual Framework, in: Aaron Kreimer/Michael Munasinghe (eds.), Environmental Management and Urban Vulnerability. Discussion Paper No. 168, The World Bank, Washington, D.C. 1992.
13.
Vgl. OECD (Anm. 9), S. 44ff.
14.
Vgl. Ortwin Renn, Three Decades of Risk Research: Accomplishments and New Challenges, in: Journal of Risk Research, 1 (1997) 1, S. 49-71.
15.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), World in Transition: Strategies for Managing Global Environmental Risks, Berlin 2000.
16.
Vgl. International Federation of the Red Cross and Red Crescent Societies, World Disasters Report 2000, Geneva 2000.
17.
Zu den sekundären und tertiären Auswirkungen durch "social amplification" vgl. Jeanne X. Kasperson et al., The Social Amplification of Risk: Assessing Fifteen Years of Research and Theory, in: Nick Pidgeon/Roger E. Kasperson/Paul Slovic (eds.), The Social Amplification of Risk, Cambridge 2003, S. 13-46.
18.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986; Joanne Linnerooth-Bayer/Ragnar E. Löfstedt/Gunnar Sjöstedt (eds.), Transboundary Risk Management, London 2001.
19.
Vgl. Charles Perrow, Normal Accidents. Living with High Risk Technologies, New York 1984.
20.
Vgl. Paul Slovic et al., Nuclear Power and the Public. A Comparative Study of Risk Perception in the United States and France, in: Ortwin Renn/Bernd Rohrmann (eds.), Cross-Cultural Risk Perception: A Survey of Research Results, Dordrecht-Boston 2000, S. 55-102.

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