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10.11.2011 | Von:
Hardo Bruhns
Martin Keilhacker

"Energiewende": Wohin führt der Weg?

Energietransport - europäisches Stromnetz gefragt

Auch beim Energietransport konzentrieren sich die Probleme auf den Strom. Das heutige Netz stößt bereits jetzt an seine Grenzen, etwa bei der Übertragung küstennaher Windenergie nach Süddeutschland. Der Netzausbau muss in europäischem Maßstab erfolgen, denn nur dann ist es möglich, durch Nutzung der optimalen Erzeugungsregionen zu deutlich kostengünstigerem Wind- und Sonnenstrom zu kommen als es bei einer auf Deutschland begrenzten Strategie je möglich sein wird. Ohnehin verlangt der europäische Energiebinnenmarkt in Zukunft einen echten, nicht durch (verdeckte) Subventionen verzerrten Preiswettbewerb, dem Anlagen in wind- und sonnenschwachen Regionen nicht werden standhalten können. Auch wird ein solches Netz ermöglichen, dass nur europaweit und nicht in jedem Land einzeln eine vollständige Reserveleistung für dort wind- und sonnenschwache Zeiten vorgehalten werden muss.

Technisch erfordert Stromtransport über große Strecken eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) mit zum Beispiel 600 Kilovolt (kV), die in vielen Regionen der Welt bereits seit langem erfolgreich eingesetzt wird. Dieses Netz muss das Rückgrat für einen europäischen Netzausbau werden, dessen Kosten die EU-Kommission auf 200 Milliarden Euro veranschlagt.[25] Bei Freileitungen werden die Masten für HGÜ beträchtlich höher sein als für die bisherigen 240/380-kV-Überlandleitungen. Ob die Bevölkerung das akzeptieren oder wesentlich teurere Erdkabel erzwingen wird, ist offen.

Bisher wird die Stromerzeugung an den Bedarf angepasst. Mit wachsenden Anteilen an schlecht vorausberechenbarem, fluktuierendem Strom wird künftig die Stromnachfrage an die aktuellen Erzeugungsmöglichkeiten angepasst werden müssen. Ein intelligentes Netz wird elektrische Verbraucher an- und abschalten. Mit sogenannten Smart Meters, die eine flexible Tarifgestaltung in Abhängigkeit von Stromangebot und -nachfrage ermöglichen, wird eine Entwicklung beginnen, die letztlich zu vom Stromversorger weitgehend fernsteuerbaren Geräten in Industrie, Handel und privaten Haushalten führen soll. Das wirft viele Fragen auf - nicht zuletzt nach persönlichem Datenschutz.

Fußnoten

25.
Vgl. etwa Oettinger: Netzausbau treibt Strompreise, 9.2.2011, online: www.zeit.de/news-022011/9/iptc-bdt-20110209-26-28616662xml (11.10.2011).

Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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