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10.11.2011 | Von:
Hardo Bruhns
Martin Keilhacker

"Energiewende": Wohin führt der Weg?

Energiewende: ja, aber effizient und wirtschaftlich

Der Klimaschutz macht eine Energiewende unerlässlich, und sie muss mit Einsparung, Effizienzsteigerung und Vermeidung fossiler Brennstoffe auf die Reduzierung von CO2-Freisetzung zielen. Knappere Öl- und Gasvorräte bedeuten noch lange nicht, dass die klimanotwendige Eindämmung von Öl-, Gas- und Kohleverbrennung von selbst rechtzeitig und in ausreichendem Maß erfolgen würde. Fossile Energieträger dürfen nur akzeptabel bleiben, wenn es gelingt, den Eintrag von CO2 in die Atmosphäre zu vermeiden, das heißt CCS wirtschaftlich und sicher einzusetzen.

Welche Rolle Kernspaltung international langfristig spielen wird, kann heute noch nicht abgeschätzt werden. Auf Fragen nach Sicherheit vor Katastrophen und, für die Öffentlichkeit kaum weniger wichtig, nach zuverlässiger Entsorgung müssen Antworten gefunden werden, die der Politik und Gesellschaft dauerhafte Entscheidungen in Abwägung mit Risiken anderer Optionen der Energieversorgung ermöglichen. Wünschenswert wäre, dass die Kernfusion in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts einen wichtigen CO2-freien Beitrag zur Stromversorgung leistet. Aus grundsätzlichen physikalischen Gegebenheiten heraus sind hier keine nuklearen Katastrophen denkbar und auch die Abfallfrage ist wesentlich günstiger zu beantworten.

So sicher die Energiewende kommen muss, so offen sind noch viele Fragen, insbesondere die nach dem zukünftigen Strommix. Klar ist, dass erneuerbare Energien in Zukunft einen wesentlich größeren Anteil der Energieversorgung bereitstellen werden. Derzeit läuft die Entwicklung bis 2050 darauf hinaus,[26] national mit 80 GW Wind und 65 GW Photovoltaik extreme Überkapazitäten aufzubauen, damit bei Schwachwind und Wolken die Stromversorgung noch einigermaßen möglich ist. Bei Starkwind und Sonne wird dann aber viel zu viel Leistung in das Netz gedrückt, die sich schon beim heutigen Ausbaustand gelegentlich nur unter Zuzahlung "verkaufen" lässt. Ob Stromspeicher, einschließlich des Konzepts, den überschüssigen Strom zur Elektrolyse von Wasserstoff zu verwenden, in der notwendigen Größenordnung realisierbar sein werden, ist noch unklar.

Deshalb muss Stromaustausch mit anderen EU-Ländern und angrenzenden Regionen eine zunehmend wichtige Rolle spielen, denn nur so können Wind-, Sonnen- und anderer Strom in den zweckmäßigen Regionen erzeugt werden, nur so lassen sich Fluktuationen optimal ausgleichen und nur so die teure Regel- und Reserveleistung minimieren. Nach den Szenarien der Bundesregierung für 2050 soll der Nettostromimport interessanterweise in der Größenordnung des Beitrags der bisherigen Kernkraft liegen. Vernünftigerweise aber sollte der Stromaustausch noch wesentlich stärker forciert werden, um die wirtschaftlich günstigsten Bedingungen für die Erzeugung erneuerbaren Stroms möglichst umfassend nutzen zu können. Der europaweite Netzausbau mit HGÜ ist damit für Deutschland extrem wichtig, wichtiger als der Aufbau wenig wirtschaftlicher heimischer erneuerbarer Energieerzeugung. Eine mit Blick auf Europa gestaltete Strategie für die deutsche Energieversorgung würde auch stärker in die Nachbarländer und vielleicht auch in andere Weltregionen wirken.

Die heimischen Anstrengungen sollten sich vorrangig darauf konzentrieren, unseren Energiebedarf zu senken, beispielsweise die Wärmedämmung bei Gebäuden und die Reduzierung von Treibstoffverbrauch im Verkehr voranzutreiben und die erforderliche Akzeptanz in der Bevölkerung herbeizuführen. Sodann sollte die Energie- und Stromerzeugung aus zuverlässig verfügbaren Quellen verstärkt werden. Wind- und Wasserkraft wie auch Photovoltaik liefern unmittelbar Strom, womit elektrische Energie noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Da aber Wind und Sonne uns nur nach Lust und Laune helfen und die Anlagen sehr teuer sind, wird die Frage nach gesicherter Verfügbarkeit ebenso vordringlich wie die nach den Kosten. Zuverlässig liefern Biomasse und Geothermie rund um die Uhr und das ganze Jahr hindurch Strom: Es werden keine teuren Reserve-Kraftwerke benötigt. Das mit der Photovoltaik vergleichbare geothermische Stromerzeugungspotenzial in Deutschland sollte deshalb entsprechend genutzt werden.

Es ist offensichtlich, dass fossile Energieerzeugung noch für lange Zeit eine große Rolle spielen wird. Deshalb ist es wichtig, die Frage nach den Möglichkeiten der CO2-Speicherung zu beantworten. Obwohl teuer, könnte sie ein wirtschaftlich gangbarer Weg sein, wenn sich Emissionshandel und Energiewende international durchsetzen - ein weiteres Argument für eine europaorientierte deutsche Energiepolitik. Da CCS nach jetziger Kenntnis allenfalls nur in großen Kraftwerken und Industrieanlagen eingesetzt werden kann, sollte der dezentrale Einsatz fossiler Brennstoffe - insbesondere für Wohnraumheizung - möglichst reduziert werden, also etwa der Einsatz von Wärmepumpen statt dezentraler KWK verstärkt gefördert werden.

Zusammenfassend lassen sich die beiden eingangs aufgeworfenen Fragen beantworten. Erstens: Ja, die Energiewende ist nicht nur notwendig, sondern möglich. Allerdings wird sie bei noch weiterem Ausbau fossiler Energieerzeugung (auch in Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022) verlangsamt.

Zweitens: Die mit dem EEG und anderer Unterstützung in Deutschland verfolgte Bevorzugung heimischer dezentraler Stromerzeugung ist vielfach wenig zweckmäßig, da teuer, voraussichtlich nicht bestandsfähig in einem liberalisierten europäischen Strommarkt und wenig effizient für den Klimaschutz. Viel wichtiger und wesentlich kostengünstiger wäre es, den ohnehin notwendigen transeuropäischen Netzausbau massiv zu forcieren, um nationalen Reserveleistungsaufwand zu reduzieren und wesentlich effektivere erneuerbare Stromerzeugung in geeigneteren EU- und angrenzenden Regionen für Deutschland nutzbar zu machen und dort vielleicht auch großvolumige Stromspeicherung zu ermöglichen.

Insgesamt ist ein gemeinsames europäisches Vorgehen von größter Bedeutung, nicht zuletzt auch dafür, eine Energiewende in den anderen großen Industrienationen der Welt zu bewirken. Denn für das Klima zählt nur die globale Verminderung der CO2-Emissionen.[27]

Dieser Artikel gibt ausschließlich die Meinung der Autoren und nicht die Auffassungen der Europäischen Kommission, des JET Joint Undertaking, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft oder einer anderen Organisation wieder.

Fußnoten

26.
Vgl. "Leitstudie 2010" (Anm. 4).
27.
Zu den Auswirkungen des Ausstiegs aus der Kernkraft auf die Erreichbarkeit der deutschen Klimaschutzziele siehe den nachfolgenden Beitrag von Konrad Kleinknecht.

Dossier

Energiepolitik

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