APUZ Dossier Bild

10.11.2011 | Von:
Manfred Bürger
Michael Buck
Georg Pohlner
Jörg Starflinger

Fukushima: Gefahr gebannt? Lernen aus der Katastrophe

Anforderungen an eine Sicherheitskultur

Fukushima konfrontiert uns direkt mit der Frage nach einer funktionierenden Sicherheitskultur. Eine solche erfordert einen ständigen Prozess der Analyse von Sicherheitsfragen und der Erarbeitung eines Sicherheitsstandards, wobei auch der Prozess selbst und seine Mängel und Ausblendungen zu reflektieren sind. Wenn Kritik an den mangelhaften Notfallkonzepten in Fukushima bzw. an deren mangelhafter Auslegung erst jetzt zutage tritt, muss ein Versagen der internationalen Sicherheitskultur konstatiert werden.

Das Problem von Risikobetrachtungen und Sicherheitsanalysen bei Kernreaktoren liegt in der Komplexität der Prozesse, physikalisch wie technisch. Dazu kommt, dass Unfallabläufe wie in Fukushima nur anhand von Modellen untersucht werden können sowie in Experimenten in kleinem Maßstab und meist mit Simulationsmaterialien. Wie sind damit aber abgesicherte Erkenntnisse zu gewinnen? Die Qualität der Urteile zu Sicherheitsfragen basiert auf einer kulturellen Qualität, die nur über Zusammenarbeit und Auseinandersetzung entstehen kann.[4] Ohne gemeinsames Bemühen und ohne Auseinandersetzung über Ziele und Wege gibt es keine Sicherheit. Formale Definitionen und Festlegungen helfen nur begrenzt. Natürlich ist die Fixierung und Einhaltung von Regeln wichtig, um eine Kultur zu erreichen, in der Verlässlichkeit und Beachtung des gemeinsam Festgelegten hohe Werte sind. Andererseits darf ein solches System auch nicht erstarren, sondern bedarf hinsichtlich der aufgestellten Regeln und ihrer Basis der ständigen Überprüfung.

Der US-amerikanische Risikoforscher Theofanis Theofanous skizziert ein entsprechendes Verhältnis von Wissenschaft, Ingenieurwesen und Management als Basis von Sicherheitskultur. Vereinfachend weist er der Wissenschaft das Hinterfragen, dem Ingenieurwesen das praktische Anpacken und dem Management bzw. der Politik eine steuernde und ausgleichende Rolle zu. Erst aus dem Zusammenwirken aller drei könne sich Sicherheitskultur herausbilden. Ein offensichtliches Versagen liegt demzufolge vor, wenn bloße Anpassung herrscht, aber auch, wenn die Funktionen auseinanderfallen, wenn Zerstrittenheit dominiert. In beiden Fällen kann es vorkommen, dass Korrekturen sich nur durch Katastrophen oder Alarmismus ergeben, sei er berechtigt oder nicht.

Theofanous führt Beispiele aus der Raumfahrt (etwa der Absturz der "Challenger" 1986) ebenso wie aus der Kerntechnik an, in denen die Sicherheitskultur eklatant versagte. In allen Fällen sei es entscheidend um ein Wahrnehmungsvermögen für kritische Defizite gegangen. Sicherheitskultur sei daher auch als eine Kultur des Verstehens der Natur, der Technik und von gesellschaftlichen Prozessen zu interpretieren. Daher wendet er sich gegen Versuche, eine funktionierende Sicherheitskultur an quantitativen Maßstäben zu messen. Defizite seien nur in der lebendigen Auseinandersetzung zu bemerken. Theofanous sieht ein zunehmendes Auseinanderfallen, eine Isolierung der Herangehensweisen, wodurch die schwierige Bestimmung notwendiger Detailklärung im Verhältnis zur Orientierung an Relevanz (fitting for purpose) beeinträchtigt werde. Dies wiederum resultiere in verselbstständigten Rechencodes und Empirismus sowie einer blinden Gläubigkeit gegenüber errechneten Resultaten zulasten wirklichen Verständnisses: "Experts go away but codes stay." Tatsächlich ist festzustellen, dass die bloße Anwendung von Rechencodes den Versuch des Verstehens zunehmend ersetzt.

Auch den generellen kritischen Aussagen und Schlüssen von Theofanous bezüglich des Zustands unserer Sicherheitskultur schließen wir uns an. Eigene Erfahrungen stützen die Kritik an einem unzureichenden Zusammenwirken der Beteiligten im Sinne eines produktiven Spannungsverhältnisses. Dies betrifft die Realitätsferne mancher wissenschaftlicher Arbeiten, aber auch eine fehlende Bereitschaft bei Herstellern, Betreibern und Politik, Kritik und Vorschläge anzunehmen und im Zusammenwirken konsequent zu bearbeiten. Ebenso zutreffend ist die Kritik an wissenschaftlichen Arbeitsweisen, die Resultate von Simulationsrechnungen über den eigentlichen Klärungsprozess stellen, international jedoch immer stärker dominieren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass ein rechtzeitiges und nachdrückliches Hinterfragen auch im Fall des Kraftwerks von Fukushima offenbar nicht stattfand.

Die Notwendigkeit, sich um eine Verbesserung der Sicherheitskultur zu kümmern, bleibt auch nach dem Entschluss zum Atomausstieg bestehen. Bei Restlaufzeiten von rund zehn Jahren wäre es fahrlässig, Mängel nicht zu beheben. Die Herausforderung, die Standards hoch zu halten, ist mit der Ausstiegsperspektive eher größer geworden. Angesichts des Weiterbetriebs und sogar Neubaus von Anlagen im europäischen Umfeld bleibt es zudem notwendig, Entwicklungen in anderen Ländern zu beurteilen und gegebenenfalls zu beeinflussen. Gibt Deutschland seine Beteiligung an der internationalen Sicherheitskultur und an ihrer Ausgestaltung auf, resultieren daraus unabsehbare Risiken. Eine weitere Beteiligung setzt die Fortsetzung der eigenen know-how-Entwicklung voraus.

Fußnoten

4.
Vgl. Theofanis G. Theofanous, Risk, Severe Accidents and Thermohydraulics, in: Proceedings of the International Topical Meeting on Nuclear Thermal-Hydraulics, 10th International Topical Meeting on Nuclear Reactor Thermal Hydraulics (NURETH-10), Seoul, October 5-9, 2003.

Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

Mehr lesen