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10.11.2011 | Von:
Manfred Bürger
Michael Buck
Georg Pohlner
Jörg Starflinger

Fukushima: Gefahr gebannt? Lernen aus der Katastrophe

Sicherheitskultur, Expertentum und Demokratie: Wie wird entschieden?

Risiken von vergleichbaren oder sogar größeren Ausmaßen, die angesichts der Komplexität der Prozesse und Zusammenhänge nur schwer einzuschätzen sind, existieren auch in anderen Bereichen. So können Klimaveränderungen kaum absehbare Zerstörungen und soziale Verwerfungen verursachen, Gentechnik könnte zu einer bedrohlichen Evolution von Schädlingen und Krankheitserregern führen. Ähnliche Risiken bestehen schon bei der konventionellen Lebensmittelproduktion aufgrund des Einsatzes chemischer Mittel. Die Gefährdungen in diesen Fällen sind eher schleichender Art, nicht durch einen einzelnen Unfall bedingt. In Fukushima gab es allerdings auch keine direkten Todesfälle durch Radioaktivität - auch hier sind ebenfalls eher längerfristig auftretende Schäden zu erwarten, deren Ausmaß noch nicht absehbar ist.

Die verschiedenen Risiken sollen hier nicht gegeneinander abgewogen werden. Es geht vielmehr zunächst um die Erkenntnis, dass es übergreifend notwendig ist, sich mit komplexen Zusammenhängen zu beschäftigen, wobei sich ähnliche Fragestellungen wie zur Sicherheitskultur in der Kerntechnik ergeben. Ein Verstehen der wesentlichen Einflüsse und Zusammenhänge ist essenziell und muss die Basis für Abwägungen in einem Prozess der Auseinandersetzung bilden. Es geht letztlich um Entscheidungen, bei denen Gefahren einem Gewünschten gegenüberstehen, also keine Eindeutigkeit besteht. Die Alternativen sind in solchen Prozessen zu erarbeiten.

Die Entscheidungen bezüglich der Kernenergie zeigen, dass es hier auch um Abwägungen zwischen Alternativen der Energieversorgung geht, nicht nur um Fragen einer Sicherheitskultur in der Kerntechnik. Neben Fragen der Sicherheit spielen unterschiedliche Erfahrungen und Auffassungen zu Lebenszielen und Lebensweisen eine große Rolle. Die kulturelle Dimension in den Abwägungs- und Entscheidungsprozessen wird im Gefolge von Fukushima deutlich. Dabei kollidieren scheinbar rationale, jedoch auch auf technische Sichtweisen begrenzte Verarbeitungen mit gefühlsbestimmten Reaktionen, die aber auch Argumente aus Erfahrungen und anderen Lebensorientierungen einbringen können. Wie sind dabei sinnvolle Wege der Konsensbildung zu finden oder faire Entscheidungen zu treffen? Wie ist bloße Konfrontation in produktive Lösungssuche zu überführen?

Die Konfliktlage ist wie folgt: Einerseits sind weit verbreitete Ängste auszumachen, die von Seiten der Technik-Experten in der Regel dem Verdikt der Irrationalität ausgesetzt sind. Umgekehrt wird den Experten begrenzte Wahrnehmung vorgeworfen, verbunden mit dem Vorwurf der Interessen-Orientierung. Beide Sichtweisen sind teilweise richtig, in ihren Ausblendungen und Konsequenzen aber nicht weiterführend. Ängste haben sich angesichts von technikbedingten Katastrophen vielfach bewahrheitet, ihnen liegen Erfahrungen mit falschen Sicherheitsversprechungen und mit Problemen technischer Verheißungen zugrunde. Andererseits sind die Vorzüge technischer Entwicklung und auch fachlich begrenzter Rationalität nicht von der Hand zu weisen.

Die Auseinandersetzung weist eine grundsätzliche Dimension auf. Die Rationalitätsansprüche von Aufklärung und der mit ihr beförderten Wissenschaft haben sich heute weitgehend auf innerwissenschaftliche Forderungen begrenzt, die Rationalität des Ganzen kaum noch hinterfragend. Technische Entwicklung hat sich im Kontext kapitalistischer Dynamik verselbstständigt und von gesellschaftlichen Zielen abgelöst. Sie gehorcht oftmals nur noch den Anforderungen eigener Entwicklung und blindem ökonomischem Wachstum. Dass letzteres und die gesamte durch das Kapital getriebene Dynamik selbst irrationale Züge aufweisen, wird deutlich in Überschussproduktion als Krisenursache, in Finanzkrisen als Resultat überschüssiger Finanzmittel, die zu Spekulationsgeschäften treiben und auf der anderen Seite als Konsequenz in Form von Staatsverschuldungen wieder Sparzwänge hervorrufen. Das generelle Versprechen der Lösung von Problemen durch Technik, Innovation und Großprojekte sowie dadurch angetriebenes Wachstum hat seine Unschuld verloren.

Daraus ergibt sich auch eine ethische Dimension. Die Handlungsreichweite moderner Technik brachte den Philosophen Hans Jonas (1903-1993) dazu, über Kant hinaus das Prinzip der Verantwortung zu postulieren, das auf eine Verantwortung für die Zukunft abzielt und Forderungen nach Nachhaltigkeit begründet. Wie bei der Sicherheitskultur scheinen erweiterte Postulate und Bestimmungen, hier einer Ethik, aber kaum weiterzuhelfen. Es ist eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um Ziele und Alternativen zu führen. Dabei wird beides gebraucht: die allgemeine Bestimmung von Orientierungen (Wie wollen wir leben?) und die wissenschaftlich-technische Prüfung der Möglichkeiten. Beide Seiten müssen sich öffnen. Gestaltungsfähigkeit bedarf allerdings des politischen Primats, das es in der Auseinandersetzung selbst wieder zu erringen gilt.

Wie aber ist angesichts der Komplexität der Fragen Entscheidungskompetenz zu gewinnen? Selbstverständlich darf die Komplexität der Probleme kein Argument dafür sein, letztlich nur Experten entscheiden zu lassen. Dann verkommt Demokratie zu bloßer Akklamation. Sowohl die Komplexität unserer hoch technisierten Gesellschaft als auch deren Sachzwänge produzieren zwar eine zunehmende Bedeutung von Fachleuten, aber dem Experten eines Fachgebiets entzieht sich oft der Sinn fürs Ganze. Dies jedoch betrifft keineswegs nur Vertreter des wissenschaftlich-technischen Bereichs.

Umso mehr müssen Transparenz und Entwicklung von Entscheidungsfähigkeit eingefordert werden. Es gilt, eine bewusste Öffentlichkeit zu bilden, eine Kultur der Auseinandersetzung, welche Expertenurteile einfordert und einschließt. Darin enthalten ist die Forderung an Experten, sich so einzubringen, dass die entscheidenden Gesichtspunkte und Fragestellungen verständlich herausgearbeitet werden und so zur Grundlage für Entscheidungen in einem demokratischen Prozess werden können. Alternativen mit Für und Wider müssen so aufbereitet werden, dass Entscheidungsfähigkeit für alle entsteht, dass der Bezug zu Alltagsfragen und zum "großen Ganzen" deutlich wird. Vereinfachungen sind hierzu notwendig, nicht jedes Detail ist wichtig. Vielmehr sind die wesentlichen Bedeutungen und Unterscheidungen sichtbar zu machen, wie bei der Sicherheitskultur zur Kerntechnik auch.

Exemplarisch können Fragen des Expertentums und der Beziehung zum demokratischen Prozess bei "Stuttgart 21" betrachtet werden. In der Schlichtungsveranstaltung um den Streit um den Stuttgarter Bahnhofsumbau ging es letztlich um eine Rückgabe von Entscheidungskompetenz an die Öffentlichkeit. Auch hier sollte ein "Stresstest" durch Experten eigentlich eine verbesserte Entscheidungsgrundlage schaffen. Das Resultat wurde dann aber zum Urteilsspruch uminterpretiert und ein als besser dargebotener Alternativvorschlag derselben Experten dagegen unter Verweis auf weit zurückliegende Beurteilungen nicht beachtet.


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