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26.10.2011 | Von:
Oliver Rathkolb

Neuer Politischer Autoritarismus

Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Beim Vergleich der Auswertung der Antworten zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust durch Christian Gerbel und Rosalina Latcheva fällt in allen vier Ländern die hohe Rate an Nicht-Antworten auf - von 40,2% in Polen bis zu 47,7% in Österreich. Bezüglich der Frage nach einem gemeinsamen Zugang zur Akzeptanz einer Mitverantwortung für den Holocaust zeigen sich deutliche Unterschiede - mit einer relativ hohen Bereitschaft in Österreich, politische Mitverantwortung zu zeigen, einer deutlichen Zurückweisung dieser Vorstellung in Polen und einer starken Tendenz in Ungarn, dieser Frage auszuweichen. In Tschechien dominiert der polnische Zugang, trotz stärkerer Bereitschaft, eine teilweise Mitverantwortung für den Holocaust zu thematisieren.

Erstmals wurde ein direkter Zusammenhang zwischen Tendenzen, die Rolle der eigenen nationalen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust zu überhöhen und die Kollaboration zu verdrängen, und antisemitischen Grundeinstellungen nachgewiesen. In der Tschechischen Republik gibt es diese Korrelation nur bei jenen, die einen hohen Anteil an Hilfe für Juden vermuten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es zu dem in allen vier Ländern erlebten Krieg und dem Holocaust keine gemeinsame europäische Perzeption gibt, dass sich aber in beiden Fällen zumindest clusterartige gemeinsame europäische Entwicklungen abzeichnen. Bezüglich der Reflexion über die NS-Verbrechen tendiert Österreich stärker in Richtung der Geschichtspolitik in Deutschland, während die drei postkommunistischen Staaten ähnliche Zurückhaltung bezüglich einer "Mitverantwortung" üben. Polen und Tschechien und in einem geringeren Grad Ungarn signalisieren dabei die klare Priorität des eigenen Opferstatus, trotz Pogromen wie "Jedwabne" oder der aktiven Kollaboration bei der Vernichtung der ungarischen Juden gegen Kriegsende durch das Pfeilkreuzler-Regime von Ferenc Szálasi.