APUZ Dossier Bild

26.10.2011 | Von:
Oliver Rathkolb

Neuer Politischer Autoritarismus

Conclusio

Autoritäre Einstellungen lassen sich nicht nur als aggressive oder unterwerfende Dimensionen nachweisen, sondern auch in Form von "Anomie", d.h. Orientierungslosigkeit und Gefühle politischer Machtlosigkeit. In allen vier Ländern zeigte sich,[22] dass der Indikator "autoritäre Unterwürfigkeit" die Orientierungslosigkeit der Befragten verstärkt. Überdies tendieren diese Personen auch dazu, eher spezifische Formen des Neuen Politischen Autoritarismus (z.B. Streikverbote) zu akzeptieren. Gleichzeitig suchen jene, die sich orientierungs- und machtlos fühlen, "Sündenböcke" für ihre Situation und finden diese beispielsweise bei Minderheiten, deren Rechte ihrer Meinung nach eingeschränkt werden sollten.

Im Vergleich mit den anderen drei Ländern sind diese Dispositionen in Österreich seltener anzutreffen. Generell zeigen die Umfrageanalysen,[23] dass das Alter zur wichtigen Interpretationskategorie für autoritäre Einstellungen geworden ist: Je jünger die Befragten, desto weniger Tendenzen für autoritäre Einstellungen sind messbar. Dabei ist bemerkenswert, dass der Bildungsgrad keine Rolle spielt. Hingegen spielt der Bildungsgrad innerhalb der Generationskohorten sehr wohl eine essentielle Rolle: Je gebildeter, desto geringer ist die Tendenz zu autoritären Einstellungen innerhalb einer Altersgruppe. Sowohl Alter als auch Bildung sind in Österreich und Polen wichtige Erklärungsfaktoren für geringere autoritäre Tendenzen als in Tschechien und Ungarn.

Die empirisch gut belegte Faustformel "je jünger und je besser ausgebildet, desto geringere autoritäre Einstellungen" gilt auch für die Anomie. In allen vier Ländern zeigen jene, die hohe Zustimmung bei den Fragen zu autoritärer Unterwürfigkeit signalisieren, starke Tendenzen in Richtung Orientierungslosigkeit im aktuellen sozialen Transformationsprozess. In Österreich, Polen und Tschechen hängen Gefühle der politischen Machtlosigkeit mit einer Law-and-Order-Mentalität zusammen. Politische Machtlosigkeit geht häufig mit Tendenzen einher, Minderheitenrechte abzulehnen und diese Gruppen als "Sündenböcke" zu stigmatisieren - so beispielsweise in Tschechien vor allem die Roma. Dieser Effekt ist auch in Österreich und Polen vorhanden.

Nach wie vor kann aber - wie bereits bei der Studie Adornos und seines Teams - durch die Analyse autoritärer Persönlichkeitsmerkmale und Anomie nicht automatisch erklärt werden, wann diese individuellen Einstellungen zu Diktaturen oder faschistischen Regimes funktionalisiert werden können. Es gilt die historische Erfahrung, dass ausgleichende und gesellschaftlich nicht spaltende sozioökonomische Entwicklungen und ein breites und hohes Bildungsniveau mittelfristig die sicherste Strategie gegen neue und permanente autoritäre Regime sind.

Fußnoten

22.
Vgl. ebd., S. 27.
23.
Vgl. ebd., S. 25.