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18.10.2011 | Von:
Stefan Luft

Skandal und Konflikt: Deutsch-türkische Themen

Deutsch-türkische Themen waren stets von Skandalisierungen geprägt. Diese verstellten den Blick auf die Mechanismen von Integrationsprozessen. Es gilt, Probleme anzusprechen, Fortschritte und Chancen wahrzunehmen.

Einleitung

Die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seit Mitte der 1950er Jahre stieß Wanderungsprozesse an, die eine starke Eigendynamik entfalteten. Die Bundesregierungen waren über Jahrzehnte nur sehr eingeschränkt in der Lage, diese Prozesse zu steuern. Die Westdeutschen standen dabei von Beginn an einer dauerhaften Zuwanderung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Unbeabsichtigte Nebenwirkungen der Niederlassungen von ausländischen Arbeitnehmern und ihrer Familien boten ausreichende Ansatzpunkte für journalistische und politische Skandalisierung.

Die türkische Gruppe als größte unter den "Gastarbeitern" hatte sich in zahlreichen Städten eine eigenethnische Infrastruktur geschaffen und war damit die "sichtbarste" Gruppe. Die ethnische Grenzziehung ist hier am stärksten ausgeprägt, auch im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen wie etwa Italienern. 17 Prozent der westdeutschen und 21 Prozent der ostdeutschen Befragten gaben 2006 in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) an, sie sähen große kulturelle Unterschiede zu den Italienern, 70 Prozent hingegen zu den Türken.[1] Die soziale Distanz ihnen gegenüber ist besonders stark ausgeprägt.[2]

Umgekehrt geben türkischstämmige Personen an, alltägliche Diskriminierungen und Ausländerfeindlichkeit als persönliches Problem häufiger zu erleben als andere Gruppen.[3] Auch die Wahrnehmung von Türken in den öffentlichen Debatten (wie beispielsweise ihre oftmals thematisierte Konzentration in einzelnen Stadtteilen oder die aus der Türkei "mitgebrachten" türkisch-kurdischen Konflikte) ist von Medienkonjunkturen bestimmt. Zu Beginn der 1960er Jahre wurden "Gastarbeiter" zunächst in ihrer wirtschaftlichen Funktion wahrgenommen. Unterschiedslos nannte man sie "Südländer", welche die "Völkerwanderung zu Westdeutschlands Lohntüten" angetreten hatten.[4] Es vergingen Jahre, bis die nationale Herkunft als Kategorie entdeckt wurde,[5] wobei "den Türken" oder anderen "Gastarbeitern" jeweils bestimmte Eigenschaften zugeschrieben wurden. Türkische Arbeiter galten als diszipliniert, anspruchslos und arbeitswillig.[6] In den Medien wurden sie als ",sauber', 'geschickt', 'traditionsgebunden' und 'bescheiden'" dargestellt.[7] Die Berichterstattung war in den 1960er Jahren geprägt von Paternalismus und einem Bild der "Gastarbeiter" als Menschen aus vormodernen Gesellschaften, "rückschrittlich", aber "unverdorben".[8] Die Hoffnungen derjenigen, die sich in der Türkei anwerben lassen wollten, auf eine wirtschaftliche Verbesserung der eigenen Lage waren oft ebenso unrealistisch wie ihre Vorstellungen von Deutschland.[9]

Die ausländischen Arbeitskräfte konnten aufgrund ihrer niedrigen Qualifikationen,[10] der relativ hohen Ausgaben, welche die Zuwanderung verursachte, und des Willens, in kürzester Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen, nicht wählerisch bei der Wahl des Arbeitsplatzes sein. Sie nahmen daher ungünstige Arbeitsbedingungen eher in Kauf als Einheimische. 73 Prozent der angeworbenen türkischen Arbeitnehmer reisten zwischen 1968 und 1973 ein[11] - und wurden auf Wohnungen und Arbeitsplätze verwiesen, welche die vor ihnen gekommenen "Gastarbeiter" nicht eingenommen hatten.[12]

Auch waren leistungssteigernde Lohnformen (wie Akkord- und Prämienlohn) bei "Gastarbeitern" wesentlich stärker verbreitet als bei deutschen Arbeitern. Das gleiche galt für Schicht- und Nachtarbeit.[13] Bedingungslose Leistungsbereitschaft und Unverständnis gegenüber den Organisationsformen industrieller Produktionsweisen waren ein wesentliches Moment dafür, dass ein negatives Klima zwischen deutschen und türkischen Arbeitern entstand: "Gerade bei den aus vorkapitalistischem Milieu stammenden türkischen Arbeitern und Arbeiterinnen wirkt der Akkordlohn besonders leistungssteigernd. Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken beim Auftauchen eines Zeitnehmers an ihrem Arbeitsplatz 'wie verrückt arbeiten' und dadurch die Akkordsätze verderben. Unter anderem hat in den Betrieben gerade dieses Verhalten zu einer starken Abneigung gegen die Türken geführt."[14]

Die Konfrontation mit der Wirklichkeit (wie niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, miserable Unterkünfte) führte auch zu Arbeitskämpfen und Konflikten. Beispiele sind die Streiks im Jahr 1962 in Duisburg-Hamborn und Essen, beim Industrietraktorenwerk Deere-Lanz in Mannheim, bei den Automobilzulieferern Karmann in Osnabrück oder Hella in Lippstadt und Paderborn. Erhebliche Aufmerksamkeit fand der "Türkenstreik" bei Ford in Köln-Niehl im August 1973.[15]

Dort waren inzwischen rund 12000 türkische Arbeitnehmer beschäftigt, ein Drittel der Belegschaft. "Wie überall, wurden diese Menschen für die am schlechtesten bezahlten und am meisten gesundheitsschädlichen Arbeiten eingesetzt."[16] Schlechte Arbeitsbedingungen sowie die fristlose Entlassung von 300 türkischen Arbeitnehmern (weil sie zum zweiten Mal verspätet aus ihrem vierwöchigen Türkei-Urlaub zurückgekehrt waren, ohne ein ärztliches Attest vorlegen zu können) waren die Ursachen. Werksbesetzungen und gewalttätige Auseinandersetzungen hatten deutlich werden lassen, dass das Geschehen sowohl dem Betriebsrat als auch der IG Metall aus dem Ruder gelaufen war - es kam auch nicht zur Solidarität zwischen den "Gastarbeitern" und den einheimischen Arbeitnehmern. Diese Konflikte trugen dazu bei, dass sich das Bild des "Gastarbeiters" im Allgemeinen und des türkischen Arbeitnehmers im Besonderen in der Öffentlichkeit verschlechterte.[17]

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Blohm/Martina Wasmer, Einstellungen und Kontakte zu Ausländern, in: Statistisches Bundesamt/Bundeszentrale für politsche Bildung (Hrsg.), Datenreport 2008, Bonn 2008, S. 210f.
2.
Vgl. Ferdinand Böltken, Soziale Distanz und räumliche Nähe, in: Richard Alba/Peter Schmidt/Martina Wasmer (Hrsg.), Deutsche und Ausländer: Freunde, Fremde oder Feinde?, Wiesbaden 2000, S. 147-194; Anja Steinbach, Soziale Distanz, Wiesbaden 2004, S. 143ff.; Dirk Baier et al., Kinder und Jugendliche in Deutschland, Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Hannover 2010, S. 66f.
3.
Vgl. F. Böltken (Anm. 2), S. 173ff. Hierzu sind die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen allerdings sehr unterschiedlich.
4.
Der Spiegel vom 7.10.1964.
5.
Vgl. Karen Schönwälder, Einwanderung und ethnische Pluralität, Essen 2001, S. 191.
6.
Vgl. Karin Hunn, "Nächstes Jahr kehren wir zurück ..." Die Geschichte der türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik, Göttingen 2005, S. 101ff.
7.
J. Manuel Delgano, Die "Gastarbeiter" in der Presse, Opladen 1972, S. 111.
8.
Vgl. K. Schönwälder (Anm. 5), S. 161ff.
9.
Vgl. Cord Pagenstecher, Ausländerpolitik und Immigrantenidentität, Berlin 1994, S. 84.
10.
Vgl. Stefan Luft, Staat und Migration, Frankfurt/M. 2009, S. 82ff.
11.
Vgl. K. Hunn (Anm. 6), S. 304.
12.
Vgl. Hartmut Esser, Ist das Ausländerproblem in der Bundesrepublik Deutschland ein "Türkenproblem"?, in: Rolf Italiaander (Hrsg.), "Fremde raus?", Frankfurt/M. 1983, S. 175.
13.
Vgl. Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung '72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer im Bundesgebiet und ihre Familien- und Wohnverhältnisse, Nürnberg 1973, S. 36ff.
14.
Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, Mainz 1985, S. 109f.
15.
Vgl. Peter Birke, Wilde Streiks im Wirtschaftswunder, Frankfurt/M.-New York 2007, S. 296ff.
16.
Ebd., S. 299.
17.
So titelte die "Bild" am 31.8.1973: "30 Verletzte. Deutsche Arbeiter kämpfen ihre Fabrik frei. 2000 türkische Gastarbeiter schlugen mit Knüppeln, Messern und Zahnrädern auf ihre deutschen Kollegen ein." Zit. nach: K. Hunn (Anm. 6), S. 253.

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