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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Auch nach 50 Jahren zeigt sich eine Pfadabhängigkeit bei der Arbeitsmarktintegration von Türkeistämmigen. Zurückzuführen ist das auf die "Vererbung" von Bildungsnachteilen und auf die Segmentation des Arbeitsmarkts.

Einleitung

Die Einwanderung von Türkeistämmigen[1] in Deutschland begann mit dem "Wirtschaftswunder": Der Arbeitsmarkt der 1950er Jahre war von einem enormen Wirtschaftswachstum geprägt, das 1955 mit zwölf Prozent den historisch höchsten Wert erreichte. Die dynamische Entwicklung der Wirtschaftskraft spiegelte sich in der starken Nachfrage nach Arbeitskräften wider, die aufgrund von demografischen und strukturellen Entwicklungen in Deutschland nicht ausreichend zur Verfügung standen: Durch eine geringe Geburtenrate während des Ersten Weltkriegs waren kleinere Geburtenkohorten auf dem Arbeitsmarkt; gleichzeitig schrumpfte die Zahl der Erwerbsfähigen während des Zweiten Weltkriegs; auch kamen in den 1960er Jahren geburtenstarke Jahrgänge in das Rentenalter.

Die strukturellen Ursachen lagen in der beginnenden Bildungsexpansion und den damit verbundenen längeren Schul- und Ausbildungsjahren sowie dem sinkenden Renteneintrittsalter. Schließlich waren der Bau der Mauer im Jahr 1961 und die Schließung der Grenze zwischen der BRD und der DDR eine weitere Zäsur, da die ostdeutschen Arbeitskräfte wegfielen.[2] Kurzum: Die hohe Arbeitskräftenachfrage stand einem geringeren Angebot gegenüber, so dass die Arbeitslosenquote in den 1960er Jahren auf einem historischen Tiefstand von 0,7 Prozent lag.

Die Lücke zwischen offenen Stellen und vorhandenen Arbeitskräften sollte durch die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte aus Italien (1955), Spanien (1960) und Griechenland (1960) gefüllt werden. Im Oktober 1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet.[3]

Fußnoten

1.
Zur Analyse der Situation von Türkeistämmigen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bedarf es Arbeitsmarktstatistiken, die nicht nur die türkischen Staatsbürger, sondern auch Eingebürgerte berücksichtigen (das Statistische Bundesamt begann erst 2005 damit, den Migrationshintergrund einer Person zu erfassen). Analysen auf Grundlage von Daten, in welchen lediglich anhand der Staatsbürgerschaft kategorisiert wird, sind daher verzerrt. Im vorliegenden Beitrag wird der Begriff türkeistämmig verwendet. Damit sind Personen gemeint, die selbst oder deren Eltern- oder Großeltern eine türkische Migrationserfahrung haben. Abweichungen werden explizit angemerkt.
2.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, München 2001; Rainer Münz/Wolfgang Seifert/Ralf Ulrich, Zuwanderung nach Deutschland, Frankfurt/M. 1999.
3.
Es folgten Anwerbeabkommen mit Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968).

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