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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Die Anfänge

Durch die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften sollte eine flexible Steuerung der Arbeitsnachfrage sichergestellt werden. Daher wurde in der Anfangsphase die Aufenthaltserlaubnis auf maximal zwei Jahre begrenzt; danach sollten die "Gastarbeiter" zurückkehren und durch "neue" ersetzt werden. Die mit dem Rotationsverfahren verbundenen Fluktuationskosten für die Arbeitgeber stellten sich aber als zu hoch heraus und sollten durch längere Beschäftigungsphasen gesenkt werden. Daher wurde die Dauer des Aufenthalts verlängert.[4]

Zum Einwanderungsland wurde Deutschland aber erst mit dem Anwerbestopp 1973.[5] Die flexible Arbeitskräftewanderung wurde unterbrochen - ausländische Arbeitskräfte konnten nicht mehr nach Bedarf einreisen -, wodurch nicht nur die Zuwanderung, sondern vor allem die Rückkehrbereitschaft der "Gastarbeiter" gebremst wurde. In der Retrospektive wird daher deutlich, dass der Anwerbestopp die ausländischen Arbeitskräfte ermunterte (und auch zwang), ihre Familien nachzuholen. Die türkeistämmigen Arbeitskräfte wurden hauptsächlich in Branchen des produzierenden Gewerbes wie Bergbau, Eisen-, Stahl- und Automobilindustrie eingesetzt. Aus dieser Einwanderungshistorie der Türkeistämmigen formierte sich im Zuge des ökonomischen Strukturwandels eine Pfadabhängigkeit: Der Strukturwandel in diesen Industriezweigen setzte im Laufe der 1970er Jahre ein und bewirkte, dass Arbeitsplätze im produzierenden Sektor ab- und im Dienstleistungsbereich ausgebaut wurden. Die Arbeitsmarktlage der Türkeistämmigen muss daher aus der mangelhaften Wettbewerbsfähigkeit der Branchen erklärt werden, in denen sie eingesetzt wurden.[6] Die Auswirkungen dieser Pfadabhängigkeit sind bis heute spürbar und werden im Folgenden nachgezeichnet.

Fußnoten

4.
Vgl. R. Münz/W. Seifert/R. Ulrich (Anm. 2).
5.
Der Anwerbestopp wurde im Zuge des steigenden Arbeitskräfteangebots Anfang der 1970er Jahre verhängt, da nun die geburtenstarken Nachkriegskohorten vermehrt in den Arbeitsmarkt eintraten. Hinzu kam, dass einhergehend mit der ersten Ölkrise 1973 die Arbeitskräftenachfrage abnahm.
6.
Vgl. Stefan Bender et al., Migration und Arbeitsmarkt, in: Klaus J. Bade/Rainer Münz (Hrsg.), Migrationsreport 2000. Fakten-Analysen-Perspektiven, Frankfurt/M. 2000.

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